Soheyla Sadr: Trampolina. Patmos Verlag (Ostfildern) 2015. 24 Seiten. Für Kinder ab 4 Jahren.
ISBN: 978-3-8436-0628-8
Preis: 12,99 EUR
Rezensentin: Agnes Wuckelt

Soheyla Sadr - Trampolina Buchcover„Du bist zu dick, zu trampelig.“ Damit begründet die Trainerin Polinas Rauswurf aus dem Ballettkurs. Dies verunsichert das kleine Mädchen nicht nur, sondern bringt ihr auch den Spott-Namen Trampel-Polina ein. Ihr Traum vom Fliegen scheint zerplatzt; so lächerlich gemacht, stolpert sie erst recht über die eigenen Füße.

Gibt es eine Lösung für das Problem? Soheyla Sadr lenkt mit der kleinen Geschichte von Polina/Trampolina den Blick auf das „Anderssein und Dazugehören“, „Träumen und Fliegenlernen“ (4. Umschlagseite). Erfahrungen, die bereits junge Kinder kennen und nachvollziehen können: ausgelacht werden, ausgeschlossen werden, enttäuscht und verunsichert sein. Was tun? Polina findet Verständnis und Trost bei ihrem Nachbarn, Monsieur Petit (nomen est omen), der einiges mit ihr gemein hat und wohl gerade deshalb in der Lage ist, das Kind aufzubauen: „Träumen kannst du wie keiner, Polina, und das ist sogar noch viel besser als Fliegen. Mit dem Kopf in den Wolken, da kann man schon mal ein Stolpersteinchen übersehen. Sowieso: Das einzige, worauf es ankommt, ist, dass man ein guter Mensch ist. Und das bist du, meine kleine Freundin Polina!“

Also heißt es für Polina – zumal in den Ferien – weiter vor sich hinträumen. Unterbrochen – oder erfüllt? – wird das Träumen durch eine Zirkustruppe, die in die Stadt kommt: „O, Zirkus! Ich liebe Zirkus so sehr! Artisten können am Trapez wirklich fliegen. Und wie!“ So zieht es Polina zum Zirkus, wo sie auf einen Mann trifft, der sie einlädt: „Komm, hilf mir mal, ich muss das Tau entknoten.“ Und auch das kann Polina gut! Aber als er sie fragt: „Willst du ein bisschen mit mir trainieren?“, verlässt sie der Mut – bis eine Frau (die des Mannes) hinzukommt und die Einladung ganz praktisch wiederholt. Sie nimmt Polinas Hand und zieht sie mit sich – zu einem großen Trampolin. Und Polina wippt mit den beiden Erwachsenen – und fühlt sich, „als wäre alles ganz genau richtig“. Und dann: Dann kann Polina fliegen…

Eine vielschichtige Erzählung, die sich zwischen Traum und Wirklichkeit bewegt. Soheyla Sadrs Geschichte der „Trampolina“ hat unterschiedliche Botschaften. Zum einen – und das hat eine kleine Testleserin sehr zufriedengestellt – geht sie gut aus: „Die Geschichte ist schön, weil Polina nicht mehr Angst haben muss und ganz viel Spaß hat. Am Anfang hat sie gedacht, sie ist schwer und kann nichts, am Ende aber kann sie das!“ Der Traum wird Wirklichkeit, Polina wird „La petite Trampolina“ – eine kleine Trampolin-Artistin.

Zum anderen: Polinas Traum vom Fliegen wird in einer „anderen Welt“ bestärkt und wird dort zur Wirklichkeit: Monsieur Petit, der Nachbar, baut das verletzte und desillusionierte Mädchen auf, versteht sie. Und schließlich ist es die Zirkuswelt und darin das namenlose Paar, das Polina ohne Vorurteile aufnimmt und ihr den Weg zum Fliegen zeigt. Beinhaltet die Aufforderung, sich das Träumen nicht nehmen zu lassen, letztendlich andere, neue Wege zu gehen? Bedeutet es, denjenigen, die eine andere Person aufgrund ihres Andersseins „rauswerfen“, verspotten und verlachen (exkludieren), einfach den Rücken zu kehren? Inklusion geschieht in einer „Anderwelt“!?

Mit Kindern diese Geschichte zu lesen, wird dem Rechnung tragen müssen. Sie kann gelesen werden als modernes Märchen. Die Heldin muss, um ihr Glück zu finden, ihr vertrautes Umfeld verlassen. Sie begegnet dem alten und weisen Mann (mit Falten um seine Augen „wie kleine Sonnenstrahlen“), sie geht am frühen Morgen zum Zirkus, wo ihr – von Fremden (!) – nach einer Geduldsprüfung der Weg zu ihrem Glück gewiesen wird.

Sie kann jedoch auch problemorientiert bearbeitet werden: Wann und warum werden Menschen ausgegrenzt, wie geht es ihnen dabei? Was kann ihnen helfen, wieder froh zu werden und das Gefühl zu bekommen, so akzeptiert zu sein, wie sie sind – in ihrem äußerlichen Aussehen und Auftreten und in ihren Träumen und Sehnsüchten? Wie viel Mut und Eigeninitiative brauchen Menschen, um ihren eigenen Weg zu finden?

Beide Lesarten bieten sich – vom individuellen Kind und auch seinem Alter abhängig – an. Sicherlich brauchen jüngere Kinder (das Buch wird für Kinder ab 3 Jahren empfohlen) den Austausch mit Erwachsenen und auch eine sprachliche Vereinfachung des Textes. Dieser bietet zum Teil Ausdrücke und Formulierungen aus der Erwachsenenwelt, die sich einem jungen Kind nur „übersetzt“ erschließen. Aber auch sie werden bereits mit den Erfahrungen des Anderssein und dem „Traum vom Fliegen“ etwas anfangen können. Grundschulkinder werden in der Geschichte von Trampolina sowohl die eigenen wie auch die Erfahrungen anderer gespiegelt sehen und die Vielschichtigkeit der Geschichte ggf. allein erfassen. Sie werden sich dabei auch mit dem Aspekt, „dass man niemals mit einem fremden Menschen mitgehen darf“ (was Polina dann doch tut) auseinandersetzen.

Die ebenfalls von der Autorin gestaltete Bebilderung des Buches ist in Formen und Farbe ansprechend. Die Bilder erzählen die Geschichte auf ebenso farbige wie reduzierte Weise. Aber auch hier brauchen das 3-jährige Kind bzw. das Kind, das gerade das Lesen lernt, entsprechende Erläuterung und ergänzende Angaben zum erzählten Inhalt.

Ein Buch, das ebenso Mut macht und zum Träumen ermutigt, wie es dazu auffordert, Erfahrungen mit Anderssein und Ausgrenzung zu artikulieren und (selbst)kritisch zu diskutieren.

Agnes Wuckelt

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