Kurmann-Bottinelli, Walter: Geistig behindert und seelisch erkrankt. Möglichkeiten und Grenzen eines Lebens. Reiden 2009.
ISBN: 978-3-9521688-2-0
Preis: 20,- €

Wenn Eltern von Menschen mit einer Behinderung ihre Erfahrungen veröffentlichen, tun sie das in der Regel zur Verarbeitung ihrer persönlichen Erlebnisse und zur Unterstützung anderer Eltern mit ähnlichen Problemen.  Anders als in der Fachliteratur wird die Leserschaft hineingenommen in die Erlebniswelt der Betroffenen. Es sind einmalige Geschichten, die das Leben schrieb.

Diese Eigenart von Elternliteratur trifft auch auf das kleine Buch von Walter Kurmann – Bottinelli zu. Er beschreibt die rätselhafte psychische Erkrankung seiner geistig behinderten erwachsenen Tochter Silvia. Nach Silvia‘s Rückkehr von einem Skilager ist sie wie verwandelt. Sie wirkt verstört, apathisch und unruhig zugleich, distanziert sich zunehmend von ihren Eltern. Sie will von zuhause wegziehen  und an ihrem bisherigen Arbeitsplatz, wo es keine Wohnmöglichkeit gibt, wohnen. Einmal findet sie nicht mehr nach Hause. Als man sie zufällig findet und nach Hause bringt, haben die Eltern den Eindruck: „Sie lebt in einer andern, in ihrer Welt, die ein anderes Zuhause kennt.“ Silvia’s Welt ist bewohnt von seltsamen Wesen und Dingen. Alles wird von ihr umbenannt, uminterpretiert, neu zurecht gerückt; Silvia verliert die zeitliche Orientierung und regrediert zum Baby. Mit eisernem Willen verschliesst sie sich gutem Zureden, sie entwickelt – wie der Vater schreibt, „unsinnige Ideen und widersinnige Pläne“.  Mit dem Aufbau von klaren Strukturen und Abläufen können die Eltern Silvia einen gewissen Halt geben, fühlen sich aber zum ersten Mal selber unterstützt, als sie durch Zufall erfahren, dass man bei jungen Menschen mit Trisomie 21 vermehrt Depressionen beobachtet, die möglicherweise der Preis für eine gute Integration sind. In der Folgezeit erlebt Silvia manische Phasen, in denen „das wahnhaft- wahnsinnige Schreien und Lachen das Haus erfüllte“, bis dann eine Umstellung der Medikamente und ein Kurzurlaub der Familie in der Sonne Zyperns eine gewisse Beruhigung bringt.  Immer deutlicher zeigt sich, dass Silvia „ein anderer Mensch mit ganz anderen Interessen, neuen Eigenheiten und Persönlichkeitsmerkmalen geworden ist“.

Das Besondere an dem Erlebnisbericht von Walter Kurmann-Bottinelli ist nicht nur der ausgezeichnete literarische Stil, in dem das kleine Buch geschrieben ist. Kurmann beschreibt das Verhalten seiner Tochter äusserst präzise, öffnet den Blick immer wieder für das sorgenvolle, oft einsame, mühevolle  Suchen der Eltern nach Lösungen und Erklärungen. Was aber bei der Lektüre besonders berührt, ist, einen Weg mitzuerleben, der von einer zunächst noch eher äusseren Verstehensweise eines Menschen hinabführt in einer tiefere Sicht. Stehen am Anfang und mit gutem Grund ganz konkrete, lebenspraktische und erzieherische Fragen im Vordergrund, suchen die Eltern vor allem nach Erklärungen und Hilfen für Silvias auffälliges Verhalten, vertieft sich die Sichtweise gegen Ende des Buches immer mehr. Die Eltern verstehen: Silvia ist bemüht, sich durch Erinnern von Geburt an neu kennenzulernen, um ihr Leben noch einmal neu zu bestimmen.  „Schnell mussten wir begreifen, dass dies nicht nur reine Neugierde oder eine bei Menschen mit Trisomie 21 häufig anzutreffende Form der Stereotypie , sondern ein existenzielles Bedürfnis, geradezu eine Lebens-, ja Überlebensnotwendigkeit war. Silvia benutzte die Erinnerung an das Vergangene, um sich von der Vergangenheit zu befreien!“  Das klingt fast schon psychoanalytisch. Mit einem neuen Blick erkennen die Eltern: „Allgegenwärtig lauerte die Versuchung, Silvias masslose Ansprüche und Ziele als blosse Unvernunft oder reinen Irrsinn abzublocken oder auszugrenzen, sie nicht als subjektiv notwendiges und notwendendes Bedürfnis anzunehmen … Nachdenken über Silvia und ihren Zustand hiess und heisst, sich in sie Hineindenken, sich in sie Hineinbewegen. Dies wiederum können Wege in einen Irrgarten sein, auf denen man mit Vorteil einen möglichst reissfesten Ariadnefaden eigener Gewissheiten abrollt.“ Nach der Lektüre des Buches hat man das Gefühl, zusammen mit den Eltern eine Höhlenwanderung gemacht zu haben, manchmal voller Angst und Unsicherheit, doch letztlich Zeuge gewesen zu sein bei der zweiten Geburt eines Menschen –  die noch nicht abgeschlossen ist, aber Ahnungen von Licht und Glück enthält, für Silvia, ihre Familie – wie bei uns allen auf je unsere Art und Weise.

Dr. Wolfgang Broedel, Sarnen/ Schweiz

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