Sprachbehinderung

Aus Geschichte der Behinderung

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Inhaltsverzeichnis

Überblick: Relevante Prozesse, Strukturen, Daten

Autoren: Klaus Schulz, Wilfried Dames

Stimm- und Sprachheilkunde


Sprachheilpädagogik/ Sprachbehindertenpädagogik

  • Ab 1832 Leitfaden zur Stotterbehandlung (Taubstummenlehrer)
  • 1879 Albert Gutzmann veröffentlicht "Das Stottern und seine grundsätzliche Beseitigung durch ein methodisch geordnetes und praktisch erprobtes Verfahren."
  • Seit 1883 (Braunschweig) Stotter-, später Sprachheilkurse für Kinder im Schul-. später auch Vorschulalter
  • 1888 Ausbildung zweier Elberfelder Lehrer und Ärzte
  • 1901 Gründung von Sprachheilklassen in Barmen
    • 1910 Halle
    • 1912 Hamburg
  • 1921 erste voll ausgebaute Sprachheilschule (Hamburg)
  • Seit 1925 (Halle) Sprachheilpädagogik im Rahmen von Hilfsschullehrerprüfungen
  • 1926 ausgebildete Lehrer studieren nach 2 Jahren Vorbereitung 4 Sem. an der Universität Hamburg
  • 1927 Sprachheilschulen in deutschen Städten: 4. Sp-Klassen: 14. Sp-Kurse: 95
  • 1935 Gemeinsame Prüfungsordnung für Lehrer an Schulen für Gehör- und Sprachleidende in Hamburg
  • 1942 10 Sp-Schulen. Sp-Klassen in 11 Städten
  • nach 1945 BRD: Wiederaufbau der Sp-Schulen sowie der Ausbildung von Sprachheillehrern (nach Bundesland verschieden)
  • 1960 13 Sp-Schulen und 6 Sprachheilheime
  • 1970 10 Studienstätten für Sp-Pädagogik und Dipl.-Pädagogen
  • 1978 12 Sp-Studienstätten; 90 Sprachehindertenschulen und 32 Sprachheilheime


Rahmenbedingungen

Autorin: Anita Kleeberger

Aufschwung der Naturwissenschaften im 19.Jahrhundert

Im Zuge des Realismus erfuhren die Naturwissenschaften einen erheblichen Aufschwung. Durch ihre empirischen Methoden erscheinen allein ihr eine unverfälschte Darstellung der Wirklichkeit und die Feststellung von Gesetzmäßigkeiten möglich. Wichtig ist dabei vor allem die Nutzbarmachung der wissenschaftlichen Erkenntnisse für die Menschheit allgemein und den technisch-kulturellen Fortschritt in Verbindung mit der zunehmenden Industrialisierung. Es werden technische und landwirtschaftliche Hochschulen gegründet. Eine Reihe von Erfindungen revolutioniert den Alltag, so die Nähmaschine in den 1830er Jahren, die erste deutsche Eisenbahn in den 184Oern, Gauß und Weber konstruieren den ersten elektromagnetischen Telegraphen usw...

Ein wichtiger Markstein in der Geschichte der Heilpädagogik stellt das Werk "Die Heilpädagogik" 1861 von Jan Daniel Georgens und Heinrich Marianus Deinhardt dar. Sie prägen zum ersten Mal den Begriff "Heilpädagogik". Das Werk begründet ein umfassendes pädagogisches Modell, welches nicht nur erzieherische, sondern auch soziologische, psychologische, medizinische und unterrichtspraktische Überlegungen und Grundlagen umfasst.

Georgens widmete sich nicht ausschließlich der Behindertenpädagogik, sondern zunächst der Vorschulerziehung und des Volksschulunterrichts. Er erklärte das Recht auf Erziehung für alle Kinder, und zwar ohne Ausnahmen. Den Behinderten sollte durch Unterricht die gleiche allseitige Menschenbildung zuteil werden, wie den Gesunden. Erziehungsziele sind für ihn dieselben, nur die Unterrichtsmethoden unterscheiden sich. Forderte man im Volksunterricht die Berücksichtigung der Individualität der Kinder, so sollte man dieses bei behinderten Kindern - Georgens und Deinhardt definierten die Behinderung als einen Teil ihrer Individualität - ganz besonders tun. Heilpädagogik schließt also in diesem Sinne Pädagogik ein, erfordert darüber hinaus sogar noch zusätzliche Maßnahmen, z.B. medizinische, um die Behinderung zu beseitigen oder zu kompensieren.

Diese Sicht ist für die damalige Zeit revolutionär, denn einen wirklichen Unterricht Behinderter (bei Taubstummen und Blinden war er schon weitgehend anerkannt, allerdings auch noch nicht derart allumfassend gefordert bzw. ausgestaltet worden), hielt man für unmöglich und auch unzweckmäßig. Insofern war eine auf Wohltätigkeit gestützte Betreuung das Äußerste wozu die Öffentlichkeit und Obrigkeit bereit war.

Georgens und Deinhardt setzten ihre Konzepte jedoch praktisch in privaten Anstalten um, und nahmen sich erstmalig geistig- und körperbehinderter Kinder zum Zwecke einer Unterrichtung an. Man schenkte ihrem Wirken damals kaum Beachtung.

Es wurden im 19. Jahrhundert zahlreiche medizinische Erfindungen und Entdeckungen gemacht, wichtig vor allen Dingen auch für die Sprachheilkunde. Garcia erfindet 1855 den Kehlkopfspiegel und ermöglicht damit eine unmittelbare Beobachtung des Stimmapparates am lebenden Menschen. Auch die wissenschaftlich fundierten Lehren von der Lokalisation der Sprachfunktionen (Broca 1861, Wernicke 1874) nehmen ihren Anfang. Die Sprachpathologie und die Physiologie der Stimme und Sprache kommen als Forschungsgegenstände wieder in Betracht.


Didaktik und Methodik

Autorin: Anita Kleeberger

Zungenübungen der Madame Leigh und operative Methoden

Aus Amerika kam die Kunde von der Heilkunst der Madame Leigh, die im Jahre 1825 in New York eine Schule für Stotterer eröffnet hatte. Sie ging von der Beobachtung aus, dass die Zunge beim Stottern sehr tief im Munde liege, anstatt sich mit der Spitze an die Gaumenwölbung anzulehnen. Sie glaubte, durch Zungenübungen, die richtige Zungenstellung beim Sprechen zur Gewohnheit machen zu können und damit das Stottern zu überwinden. Sie hielt ihre Methode geheim, verkaufte das Geheimnis aber unter anderem für 3000 Taler an den preußischen Staat. Der Taubstummenlehrer Bansmann aus Westfalen erhielt die Erlaubnis, nach diesem Verfahren zu arbeiten, und er machte auf Befehl des Königlichen Preußischen Ministeriums in einem vierwöchigen Lehrkursus in Weißenfels Seminaristen mit der neuen Kunst bekannt, "Stammelnde" zu heilen. Bansmann erkannte aber bald die Unzulänglichkeit dieses Verfahrens.

1841 veröffentlicht Diefenbach seine Schrift "Die Heilung des Stotterns durch eine neuartige Operation". Diefenbach glaubte, das Stottern durch eine Operation beheben zu können. Er wollte durch eine Unterbrechung der Nervenleitungen in einem am Sprechen mitbeteiligten Muskelgebilde den krampfartigen Zustand in den Luftwegen aufheben. 1841 nahm er zum ersten Mal eine horizontal-transverselle Durchschneidung der Zungenwurzel vor, um die Innervation der Zunge zu modifizieren. Es folgten verschiedene Modifikationen der Operation, wie z. B. die horizontale Durchschneidung der Zungenwurzel mit Ausschneidung eines Querkeils aus derselben, um der Zunge Freiheit zu geben. Eine Zeitlang fanden diese Operationen großen Anklang.

Entwicklung erster Anfange des Sprachheilwesens

Aus der Einsicht in die Unzulänglichkeit dieser Methoden entwickelten sich Bemühungen um didaktische Heilverfahren, die sich auf Problemen der Atmung, der Stimmgebung und der Psyche des Stotternden aufzubauen versuchten. Eine gute Übersicht hierzu gibt die zeitgenössische Schrift vom Taubstummenlehrer Haase "Das Stottern", in welcher er alle bisherigen wichtigen Kenntnisse über Ätiologie und Behandlungsmaßnahmen des Stotterns zusammenfaßt. Dabei entwickelt er die Auffassung, dass zur Beseitigung des Leidens in jedem Falle didaktische Maßnahmen angewandt werden müssen, dass es aber kein allgemeingültiges Patentrezept gibt. Einige Heilmethoden sollen exemplarisch dargestellt werden:

In den 1840er Jahren gibt es im Herzogtum Anhalt-Bernburg schon einen Stotterschulkurs. Er wird von Ferdinand Blume abgehalten, der 1841 die "Neueste Heilmethode des Stotterübels" veröffentlicht. Als primäre Ursache bezeichnet Blume organische Schäden oder falsche Anwendung der Sprechwerkzeuge, als sekundäre Ursache allgemeine Entwicklungsbedingungen oder schlechte Erziehung. Blume ist der Meinung, dass das Stottern auf einem Missverständnis vom Denken und Sprechen beruht.

1844 unterscheidet der Arzt Klencke in "Die Störungen der menschlichen Sprachorgane" nochmals exakt die Störungen Stammeln und Stottern und weist daraufhin, dass nur aufgrund einer in dieser Beziehung exakten Diagnose auch eine adäquate und erfolgreiche Behandlung beider Störungen einsetzten kann. Stottern definiert er als Störung der Stimme, durch falsche Betätigung der Muskeln von Respiration und Stimmbildung. Klencke geht davon aus, dass Vokale mit der Stimme gebildet werden, und die Stimme versagt beim Stotterer, wenn dieser Konsonanten mit Vokalen verbinden will. Stottern tritt nicht auf beim Singen und Flüstern. Je mehr der Stotterer willentlich das Hindernis in der Rede überwinden will, um so mehr verkrampft er sich. Stottern wird heftiger, je mehr der Betroffene beobachtet wird. Der Stammler hingegen spricht besser, wenn er aufmerksam beobachtet wird. Er hat keine Schwierigkeiten mit der Stimme. Er kann einen oder mehrere Buchstaben nicht richtig aussprechen, ersetzt sie in der Rede durch andere, oder lässt sie einfach weg. Die Ursachen hierfür liegen in den Artikulationsorganen. Beim Stammler treten keine nervösen oder krampfhaften Erscheinungen der Sprachorgane auf Die Störung tritt auch beim Singen und Flüstern auf.

Wyneken, der selbst Stotterer war, veröffentlicht in der Zeitschrift für Rationelle Medicin 1868 einen Aufsatz mit dem Titel "Über das Stottern und dessen Heilung". Er geht davon aus, dass eine Anlage zum Stottern geerbt werden kann, und dann bei vorhandenen Dispositionen zum Ausbruch kommt, oder durch Nachahmung erlernt wird. Er nennt auch verschiedene Einflüsse, die für das Auslösen von Stottern günstig sind, unter denen bereits vorhandenes Stottern verstärkt werden kann. Seelische Zustände sind seiner Meinung nach am häufigsten die Ursache, so z.B. Angst, Scham und ein unsteter Wille. Er stellt fest, dass Stottern häufiger bei Jugendlichen als bei Erwachsenen auftritt, dass aber ansonsten keine spezifischen Bevölkerungsgruppen davon betroffen seien. Wichtig ist auch seine Beobachtung, dass Stottern um so häufiger auftritt, je mehr Aufmerksamkeit man dem Sprechen widmet. Auch heute ist dies eine auf Erfahrungen gestützte Erkenntnis, die bei Therapien berücksichtigt werden muss. Wyneken erachtet bei der Sprachübungsbehandlung des Stotterns vor allem den Aufbau des Selbstbewusstseins und -vertrauens für wichtig, da der Stotterer ängstlich und zweiflerisch sei. Die Behandlung des Stotterns muss sich auf das gesamte Wesen des Stotterers erstrecken, und dies erscheint Wyneken nur in dafür speziell eingerichteten Institutionen möglich.

Wichtig: Das Sprachheilwesen entwickelte sich aus dem Taubstummenwesen und der Medizin heraus. Denn Taubstummenlehrer waren zu dieser Zeit die einzigen kompetenten Fachleute, was die Sprachanbildung betrifft. Sie setzten sich tagtäglich damit auseinander und entwickelten Unterrichtsmethoden. Da Sprachstörungen häufig durch organische Defekte verursacht werden, beschäftigten sich auch Mediziner mit der Heilung von Sprachgebrechlichen. Viele Abhandlungen über die Sprachphysiologie und Sprachpathologie entstammten ihrer Feder.


Weitere "Heilverfahren"

Der englische Arzt Dr. Arnott sah die Ursache des Stotterns in einer krampfhaften Hemmung in der Stimmritze. Für eine Heilung des Übels sei also das Augenmerk hauptsächlich auf Abgewöhnung des Schließens der Stimmritze und auf die Bildung des Tons zu richten. Beim Langziehen der Worte und beim Singen schließe sich die Stimmritze nicht, der Ton fließe, werde nicht gehemmt, also entstehe auch kein Stottern.

Rudolf Schultheß glaubte nicht, dass durch bloßes Öffnen der Stimmritze das Stottern überwunden werden könne, obwohl das Aussprechen eines einfachen Lautes wie vor jedem schwierigen Wort und die Verbindung der Worte durch einen solchen Laut, vielen Stotterern Erleichterung bringe. Nicht allen Stotterern werde es gelingen, ihre Stimmritze locker in die geforderte Stellung zu bringen und darin zu halten.

Dr. Colombat de l'Isére, Gründer des orthophonischen Instituts zu Paris, trat 1830 mit einer Methode hervor, die fast ebenso viel Aufmerksamkeit erregte wie die Methode der Madame Leigh. Sein Hauptbestreben war es, das Nervensystem zu "regulieren"; die Grundlage seiner Methode war der Rhythmus. Bei leichtem Einatmen sollte der Klient die Zunge zum Kehlkopf zurückziehen, wobei sich die Zungenspitze zum Gaumensegel hin umbiegen, die Lippen sich auseinanderziehen und dadurch die Stimmritze sich öffnen sollte. Um dies zu erleichtern, bediente er sich eines kleinen Instruments, eines Muthonoms, das unter die Zunge geschoben wurde. So sollten zuerst Worte, die mit einfachen Vokalen, dann mit Lippenlauten und zuletzt mit Zungen- und Gaumenlauten anfingen, gesprochen werden. Bei jeder Silbe sollte durch Andrücken des Daumens an den Zeigefinger der Takt markiert werden. Dann folgte langsames und taktmäßiges Lesen von Texten - häufig mit Musikeinlagen - bei denen die Ruhe- und Inspirationsstellen markiert wurden, dann Nachsprechen und Wiedererzählen.

Andere Vertreter dieser Methode, Stottern durch Sprechübungen mit Rhythmus oder taktmäßigem Atmen zu überwinden, bedienten sich anderer Instrumente. Der Atemmesser von Blume war ein langer Stab mit Einkerbungen im gleichen Abstand, an denen die Augen des Sprechers gleichmäßig herabgleiten sollten. Es wurde eine Schnur mit Knoten für die Hand verwendet - ähnlich wie beim Rosenkranz. Außerdem gab es einen Stock für den Rücken, um die Brust nach vorne zu schieben und ein Stöckchen oder eine Pfeifenspitze für den Mund, um Ober- und Unterlippe zu trennen.

Dr. Klencke wollte Heilmethoden einsetzten, die seelische Störungen des Stotterers beheben konnten. Er sprach davon, dass beim Stotterer die Harmonie fehle zwischen Psyche und Respirationssystem. Dadurch werde auch die Harmonie zwischen Artikulations- und Respirationsorganen gestört. Er wollte durch Lob und Ermunterung den Willen des Schülers stärken und die Respirationsorgane durch kalte Waschungen, durch Sport und durch Atemübungen abhärten, was auch zu mehr Mut und Selbstvertrauen fuhren sollte. Die Übungen bestanden aus bestimmten gesungenen und rhythmisierten Lautverbindungen und metrischen Strophen. Sie gingen nicht über andere Methoden hinaus. Das besondere bei Klencke war, dass er in der letzten Phase der Behandlung mit seinem Schüler in eine Gesellschaft ging, und ihm dort Mut machte, viel und schnell zu sprechen, damit er keine Zeit zu stottern habe.


Die Methode der Stotterbehandlung nach Albert Gutzmann

Albert Gutzmann (1837-1910) war Taubstummen- und Sportlehrer an der städtischen Taubstummenanstalt in Berlin. Seine Erfahrung der körperlichen und seelischen Verwahrlosung der Kinder seiner Schule und seine Erkenntnis der Untererwicklung und Funktionsstörung der Lunge bei Taubstummen durch das fehlende Sprechen legte er seinem Buch "Das Stottern und seine gründliche Beseitigung" 1879 zu Grunde.

Gutzmann behauptete, auch körperliche Vernachlässigungen könnten als Ursache für krankhafte, reizbare Stimmungen das Entstehen von Stottern begünstigen. Er sah einen Zusammenhang zwischen dem Ausbruch des Stotterns und der seelischen Verfassung des Kindes. Gutzmann baute seine Methode auf den wissenschaftlichen Theorien von Kussmaul auf, welche dieser 1877 in "Die Störungen der Sprache" veröffentlichte.

Nach Kussmaul ist das Stottern eine "spastische Koordinations-Neurose" (Kussmaul 1877, 224). Die Artikulation der einzelnen Laute erfolgt richtig. Stottern tritt auf beim Zusammenfugen der Silben in der Rede. Verantwortlich dafür ist das disharmonische Zusammenwirken der Atmungs-, Phonations- und Artikulationsmuskeln, und zwar hinsichtlich ihrer Kontraktionsstärke und -dauer. Die Ursache für das Stottern ist nach Kussmaul eine "angeborene reizbare Schwäche der syllabären Koordinationsapparaten". Die angeborene Disposition kann durch negative Einflüsse zum Ausbruch kommen, z.B. durch schlechte Erziehung. Stottern kann jedoch auf Nachahmung beruhen. Es tritt häufig auf bei ängstlichen und erregbaren Personen. Das Vorkommen von Stottern ist abhängig von der Situation, in der sich der Stotterer befindet, und seiner Gemütsstimmung. Unter günstigen Bedingungen spricht er flüssig. Stottern kann periodisch auftreten. Frauen sind davon weniger betroffen als Männer.

Stottern träte vermehrt auf bei anstrengenden Geistesarbeiten und Nachtwachen, bei Rauchen starken Tabaks, bei starkem Alkoholkonsums, nach epileptischen Anfällen, bei hysterischen Anfällen und Depressionen, bei Onanisten und nach akuten Krankheiten, wie z.B. Typhus oder Keuchhusten. In der Zeit während der 2. Dentition und der Pubertät tritt Stottern häufig auf (Kussmaul 1877, 224).

Kussmaul empfiehlt zur Behandlung gymnastische und didaktische Verfahren. Die gymnastische Kur (Diät, Turnen, Heilgymnastik) soll die allgemeine Konstitution der Person kräftigen, krankhafte Reizzustände beseitigen und insbesondere die Atmungsorgane kräftigen. Durch die didaktischen Verfahren soll die richtige Koordination der Funktionen von Atmung, Phonation und Artikulation eingeübt werden.

Nach Meinung Gutzmanns ist "das Übel meist das Resultat von Gewohnheits- und Erziehungsfehlern .... In der That ist das Stottern in den allermeisten Fällen auf eine in der ersten Sprachentwicklung begründete ... Vernachlässigung im Sprechen, sowohl nach seiner rein technischen, als denkthätigen Seite zurückzuführen, die durch eine sorgfältige Überwachung und spracherziehliche Behandlung im ersten Stadium hätte verhütet werden können". (Gutzmann 1888, 26)

Stottern tritt im ersten Stadium auf infolge eines Missverhältnisses von Denktätigkeit und Sprechtätigkeit. Die Entwicklung des Denkvermögens ist beim Kind schneller als die Entwicklung der Sprechfähigkeit, so Gutzmann. Es kommt also ganz natürlich zu Unflüssigkeiten in der Rede. Die Eltern müssen während dieser Zeit streng darauf achten, dass das Kind richtig und langsam spricht und sich kein falsches Sprechen angewöhnt (Gutzmann 1888, 59). Der Stotterer soll durch die Übungen psychisch beeinflusst werden. Wenn er erkennt, dass das Sprechen ihm keine Schwierigkeiten mehr bereitet, so braucht er keine Angst mehr zu haben und stottert nicht mehr.

Die Übungsbehandlung hat zum Ziel, das Missverhältnis von Respiration und Sprechtätigkeit abzustellen. Zunächst werden Atemübungen durchgeführt, die die Atemkapazität erweitern und die Atmungsmuskulatur trainieren sollen. Teilweise werden sie mit gymnastischen Übungen verbunden. Wenn der Stotterer hier seinen Willen beherrschen kann, so sollen Atemübungen mit Stimm- und Sprechübungen kombiniert werden. Bei den Stimmübungen, Hauchen, Flüstern und Stimmgebung, sollen die Muskeln des Kehlkopfes gestärkt werden. Dann folgen Sprechübungen, in denen Konsonanten und Vokale zu Silben verbunden werden sollen. Wenn auch die Stimm- und Sprechübungen willentlich beherrscht werden, so folgen Übungen im Lesen und Deklamieren von Gedichten. Zuletzt werden selbständige und freie Rede geübt. Die Person wird dann in einer letzten Prüfung emotionalen Belastungssituationen ausgesetzt, er muss Aufträge erledigen, und vor Fremden sprechen. Die Voraussetzung für den Erfolg der Methode ist neben einer allgemeinen positiven Gemütsstimmung die permanente, gewissenhafte Selbstkontrolle und tägliches Üben. Bereits geringe Vernachlässigungen können zu Rückfällen fuhren (Gutzmann 1888, 40ff).


Literatur

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  • Borbonus, T.: Gesundheitsreform-Krankenkassen-Sprachheilpädagogen. In: Die Sprachheilarbeit 34 (1989) 6, 296-297
  • Broich, R. P.: Auf ein Wort: Ich nehme Bezug... auf zwei Worte. In: Die Sprachheilarbeit 42 (1997) 5, 205-208
  • Deutsche Gesellschaft flur Sprachheilpädagogik: Positionspapier der dgs. In: Die Sprachheilarbeit 42 (1997) 3. 94-95
  • Dirnberger, W.: Entwicklung, Stand und Neugestaltung des Sprachheilschulwesens in Deutschland. Hannover 1973
  • Dupuis, G.: Sprachbehindertenpädagogik. In: Solarova, 5. (Hrsg.) Geschichte der Sonderpädagogik. Stuttgart 1983, 260-296
  • Gathen, H.: Empfehlungen zur sonderpädagogischen Förderung in den Schulen in der Bundesrepublik Deutschland - Beschluß der Kultusministerkonferenz am 06. Mai 1994 in München. In: Die Sprachheilarbeit 39 (1994) 4, 265-266
  • Grohnfeldt, M. / Homburg, G. / Teumer, J.: Ansatzpunkte einer veränderten Sprachheilpädagogik in Deutschland. In: Die Sprachheilarbeit 36 (1991) 6, 252-269
  • Grohnfeldt, M. / Homburg, G. / Teumer, J.: Überlegungen zur sprachheilpädagogischen Arbeit in einem flexiblen System von Grund- und Sonderschule. In: Die Sprachheilarbeit 38 (1993), 166 - 184
  • Grohnfeldt, M.: Auf ein Wort: Sprachbehindertenpädagogik im Wechsel der Zeiten. In: Die Sprachheilarbeit 35 (1990), 1-3
  • Grohnfeldt, M.: Die Sprachheilpädagogik im Spannungsfeld von Generalisierung und Spezialisierung, Einordnung und Abgrenzung. In: Die Sprachheilarbeit 39 (1994), 197-2
  • Grohnfeldt. M.: Auf ein Wort: Weichenstellungen in der Sprachheilpädagogik. In: Die Sprachheilarbeit 42 (1997), 1-3
  • Gutzmann, A.: Das Stottern und seine gründliche Beseitigung durch ein methodisch geordnetes und praktisch erprobtes Verfahren. Berlin 1888
  • Gutzmann, H.: Sprachheilkunde. Vorlesungen über die Störungen der Sprache mit besonderer Berücksichtigung der Therapie. Berlin 1912
  • Klink, J. - G. (Hrsg.): Zur Geschichte der Sonderpädagogik. Bad Heulbrunn 1966
  • Kussmaul, A.: Die Störungen der Sprache. Leipzig 1877
  • Maihack, V.: Sprachheilpädagogen "offiziell" von der Krankenkasse anerkannt. In: Die Sprachheilarbeit 39 (1994), 268
  • Orthmann, W.: Geschichte der Sprachbehindertenpädagogik. In: Knura, G.fNeumann, B. (Hrsg.): Pädagogik der Sprachbehinderten. Handbuch der Sonderpädagogik. Bd. 7. Berlin 1980, 67-91
  • Rothe, C. K.: Pädagogische und logopädische Winke für Lehrer an Sonderklassen für sprachkranke Kinder. In: Beiträge zur Kinderforschung und Heilerziehung 168 (1920), 7 - 26
  • Schneider, H.: Sprachheilschule. In: Lesemann, G. (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte und Entwicklung des deutschen Sonderschuiwesens. Berlin 1966, 153-168
  • Teumer, J.: Der Weg zur akademischen Ausbildung von Sprachheillehrern in Hamburg - ein historischer Exkurs. In: Die Sprachheilarbeit 39 (1994), 370 - 376
  • Teumer, J.: Die Anfänge des Sprachheilwesens in Hamburg - wirklich eine Erfolgsstory? In: Die Sprachheilarbeit 40 (1995), 149 - 164
  • Voigt, P.: Beitrag zur geschichtlichen Entwicklung der Sprachheilschulen in Deutschland. Halle (Saale) 1954
  • Zuckrigl, A.: Sonderpädagogische Organisationsformen. In: Knura, G/ Neumann, B. (Hrsg.): Pädagogik der Sprachbehinderten. Handbuch der Sonderpädagogik. Bd. 7. Berlin 1980, 95-121
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