Mittelalter

Aus Geschichte der Behinderung

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Inhaltsverzeichnis

Überblick: Relevante Prozesse, Strukturen, Daten

  • Körperbehinderte und Kriegsinvalide waren im Mittelalter meist auf Almosen angewiesen
  • Viele behindert geborene Kinder wurden nach der Geburt getötet, da man einen damönischen Einfluss fürchtete
  • Es gab jedoch zahlreiche Behinderungen und Amputationen, die durch Krieg, Unfall oder Krankheit hervor gerufen wurden
  • Körperbehinderte zählten zu den "würdigen Armen", die Anspruch auf Fürsorge hatten. Diese Fürsorge sah u.a. so aus, dass sie auf Marktplätzen, vor Stadttoren etc. mehr oder minder ungestört betteln konnten.
  • Um die Bettelei zu regulieren, erließen einige Städte eigene Bettelordnungen:
    • Nürnberg erließ im Jahre 1370 die erste Bettelordnung in Deutschland. Auf Grund der wirtschaftlichen Stärke der Stadt zog diese besonders viele Almosenempfänger an. Inhalt der Bettelordnung:
      • Das Betteln musste genehmigt werden
      • Einheimische Bettler wurden bevorzugt
      • Die Zulassung zum Betteln musste anhand von Bettelzeichen nachgewiesen werden (sichtbar getragen)
    • Die Verordnung wurde 1518 erweitert:
      • An den Werktagen durfte kein arbeitsfähiger Bettler betteln. Dies war den nichtarbeitsfähigen vorbehalten.


Glaube und Aberglaube

  • Erklärungsansätze für Behinderung: "Man glaubte an die Einwirkung von Dämonen, an den Kindertausch durch den Satan (Wechselbalg), auch an die Strafe Gottes für Sünden der Vorfahren." (Speck 1979, 57)
  • der Andersartige (eher geistig- denn körperlich gesehen) wurde als Bedrohung empfunden
  • Schwachsinnige wurden "auf Jahrmärkten zur Schau gestellt, als Narr zum Spielzeug und Gespött, als Dämon gefürchtet, aber auch als schwaches Wesen unter den besonderen Schutz Gottes gestellt." (Fornefeld 2000, 29)
  • "Die teuflische Besessenheit erwachsener Behinderter wurde auch im Rahmen von Hexenprozessen durch die damals üblichen Folterungen "bewiesen" und dann durch - teilweise äußerst grausame - exorzistische Behandlungsmethoden oder durch Verbrennen geahndet." (hier entnommen


Von der christlichen Almosenpflege zur Sozialfürsorge

Die Entwicklung der frühen Diakonie hin zum späteren Umgang mit Notleidenden wurde im Mittelalter durch die Almosenlehre Thomas von Aquins (1225- 1274) geprägt:

  • Arme und Behinderte sind notwendiger Teil der sozialen Ordnung
  • Arme sind Brüder Christi
  • Arm sein ist ein Sakrament
  • Arme werden von Reichen unterstützt, jedoch nur zur Befriedigung der Grundbedürfnisse
  • Unterscheidung, wodurch Armut erzeugt wird:
    • Einerseits durch Krankheit, Unfall, Missernte
    • Andererseits Mönche, Nonnen in freiwilliger Armut, geprägt durch Franz von Assisi (1181 – 1226). In der Praxis war diese Form der Armut mit weit weniger Vorurteilen und Einschränkungen verbunden.
  • Bis zur Reformation kommt es beinahe zu einer Alleinherrschaft des Anstaltlichen und der sie tragenden Orden und Genossenschaften
  • Es entstehen zahlreiche Stiftungen, die z.T. von den Städten verwaltet werden
  • Die Fürsorge schloss jedoch nach wie vor zahlreiche Personen aus, z.B. die meisten geistig Behinderten. So empfahl Luther, man solle "Wechselbälge" und "Kielkröppe" ersäufen, da ein solches Kind lediglich ein vom Satan in die Wiege gelegtes Stück seelenloses Fleisch (massa carnis) war.


Reform und Pietismus im Bereich der Armenpflege

  • Das Almosenwesen gerät immer mehr in Kritik. Daraus ergibt sich, dass
    • die Armenpflege zur sozial-ethischen Aufgabe und Verpflichtung des Einzelnen wird
    • die Wohltätigkeit allein um des nächsten Willen geleistet wird
  • Die Diakonie wird dennoch zur Aufgabe der Kirchengemeinde erklärt.
  • Bürger- und Christengemeinde sollen gemeinsam zur Lösung sozialer Notstände beitragen.
  • Martin Luther (1483-1546) fordert vom Staat neben dem Schutz seiner Bürger und der gesicherten Rechtspflege die Sicherung einer gemeinsamen Wohlfahrt.
  • Die Kirche wird vorwiegend auf religiöse Bereiche beschränkt.
  • Die Armenpflege ist Gestaltungsaufgabe der christlichen Obrigkeit.
  • Interessenkonflikte führen dazu, dass nur eine äußerliche Verrichtung der staatskirchlich geordneten Barmherzigkeitswerke gelingt:
    • Durch den Wegfall aller klösterlichen und anderen Genossenschaften fehlt geeignetes Personal für entsprechende Einrichtungen.
    • Die Wohltätigkeit Einzelner war nicht zu unterschätzen.
  • Das landesherrliche Kirchenregiment tritt immer mehr als allein bestimmende Instanz auf:
    • Konsistorien und Theologen haben ausschließlich Vollzugsfunktion.
    • Religiöses Leben wird in strengen Regeln gehalten.
  • Das starre konfessionelle Kirchentum führt zum Aufkommen des Pietismus. Es kommt zur Sammlung "erweckter" Christen als Kern der Gemeinde.
  • Gründung spezieller diakonischer Einrichtungen und Entstehung einer eigenständigen Anstaltsdiakonie. Exemplarisch hierfür: August Hermann Francke (1663-1727) in Halle. Er gründete mehrere Anstalten und ein Waisenhaus.
  • Aufkommen eines Arbeitsfanatismus mit dem Ziel, Anstalten wirtschaftlich unabhängig und entwicklungsfrei für neue Aufgaben zu machen.


Medien

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Dieser Bettler (Breughel um 1500) hatte vermutlich eine Querschnittslähmung. An seinen Füßen befinden sich einfache Holzbretter, um über die Straßen zu rutschen.
vestecoburg.jpg
Dieses Bild aus der Kunstsammlung der Veste Coburg zeigt einen kriegsversehrten, beidseitig fußamputierten Bettler auf speziellen Trippen. Trippen waren ursprünglich als Hilfe für die Fortbewegung in den verschmutzten Städten des Mittelalters gedacht. Indem sie wie Plateauschuhe genutzt wurden, konnten sie ein Versinken im Morast verhindern.
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1568, Die Krüppel, Öl auf Holz. Standort: Musée National du Louvre in Paris
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St. Paul heilt einen Krüppel. Bild von Karel Dujardin (1663), ausgestellt im Rijksmuseum, Amsterdam. Auch wenn das Bild eine biblische Szene darstellt, so zeigt es eher eine mittelalterliche Umgebung.

Literatur

  • Fornefeld, Barbara: Einführung in die Geistigbehindertenpädagogik (S. 26-28). München 2000
  • Hörber, Fritz: Auf Kufen und Rädern. München 1976
  • Müller, Klaus E.: Der Krüppel. Ethnologia passionis humanae. München 1996
  • Schlegel, Karl Friedrich: Der Körperbehinderte in Mythologie und Kunst. Stuttgart 1983
  • Speck, Otto: Geschichte. In: Handbuch der Sonderpädagogik. Bd. 5, Pädagogik der Geistigbehinderten. Berlin 1979 (S. 57-72)

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