Iran

Aus Geschichte der Behinderung

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Inhaltsverzeichnis

Überblick: Relevante Prozesse, Strukturen, Daten

Allgemeine Entwicklungen

  • Jahrhunderte lang sorgten traditionelle Koranschulen (Maktab) und die weiterbildenden religiösen Schulen (Madrasa) auf herkömmliche Weise für die Erziehung und Bildung im Iran. Sie haben ihre Funktion bis in die Gegenwart behalten und sind besonders seit 1979 wieder aufgelebt.
  • 1850/51 wurde eine entscheidende Erweiterung des Erziehungs- und Bildungswesens im Iran eingeleitet. Sie war Teil der Reformbewegungen, die das gesamte iranische Staatswesen grundlegend betrafen. Der Bedarf an Führungskräften in Armee und Verwaltung gab Anlass für die staatliche Förderung im Bereich der höheren Lehranstalten.
  • Die ersten Primar und Sekundarschulen wurden Ende des 19. Jahrhunderts durch private Initiative errichtet (1901 gab es 21 Primarschulen, davon 17 in Teheran).
  • Gesetze aus dem Jahr 1911 sahen den Aufbau einer staatlichen Schulorganisation weitgehend nach französischem Vorbild vor. Außerdem wurde die Schulpflicht für die Kinder vom siebten Lebensjahr an und der Bau von Schulen im ganzen Land gefordert, auch in den Dörfern.
  • 1965 wurde das Grundmodell eines neuen Schulsystems vorgelegt, das die gesamte voruniversitäre Ausbildung umfasste.


Umgang mit behinderten Menschen nach der Islamisierung des Iran

  • Über den Umgang mit behinderten Menschen im Iran vor der Islamisierung ist nichts bekannt, da arabische Eroberer nach 651 alle Bibliotheken in Brand setzten
  • Die Situation der Behinderten hat sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht wesentlich geändert seit der Islamisierung 634 n. Chr. geändert
  • Ein behindertes Kind wurde von den Eltern meist verheimlicht
  • Oft wurden behinderte Kinder ausgesetzt oder getötet
  • 1920 kam der deutsche Pastor Ernst Christoffel (geb. 1876) mit drei weiteren Missionaren in den Iran
  • 1921 mieteten die vier Missionare ein kleines Haus in Täbris im Iran. Die Blindenfürsorge als Hauptanliegen vor Augen, hatten sie es sich doch zum Prinzip gemacht, keinen Hilfsbedürftigen von der Tür abzuweisen
  • In der Stadt Isfahan bezogen die Missionare 1929 außerhalb der Stadt ein größeres Haus.
  • In den 1920er Jahren befasste sich Sabith Behrus – ein iranischer Wissenschaftler - über die Erziehung der Taubstummen und Gehörlosen
  • 1925 gründete Idabar Baghcheban die erste Schule für Gehörlose und Taubstumme
  • 1940 mussten Christoffel und seine Mitarbeiter wegen des zweiten Weltkrieges das Land verlassen. Zehn Jahre später kam Christoffel in den Iran zurück, um seine Arbeit fortzusetzen
  • 1947 wurde der Verein Sozialdienst (Sasemane Khademate Edjitemai), eine Organisation der königlichen Stiftung, gegründet
  • Der Verein hat im Jahre 1948 mit der Gründung einer Gewerbeschule namens "Rudaki" für Behinderte die Verantwortung für Fürsorge und Bildung der Behinderten übernommen
  • In Teheran wurde 1960 ein Zentrum für Gehörlose durch die Initiative von Gehörlose selbst gegründet
  • Das Schulgesetzes vom 5. August 1964 legte die Gründung spezieller Schulen für behinderte Kinder fest
  • 1967 wurde vom Kultusministerium das Ministerium für Sonderpädagogik (MSP) gegründet.
    • zu diesem Zeitpunkt sorgten landesweit 327 Lehrkräfte mit oder ohne Lehramtstudium für die Ausbildung von 1355 behinderten Schülern. Diese Zahl stieg bis zurzeit vor der islamischen Regierung, d.h. bis zum Jahre 1977, auf 8360 Schüler, die von 1331 Lehrkräften (mit oder ohne Lehramtsstudium) unterrichtet wurden
  • In wesentlich sind zwei Organisationen für die Belange behinderter Menschen zuständig:
    • die Nationale Blindenwohlfahrtsorganisation (1971) (Sasemane Khademate Edjitemai)
    • die Nationale Sprachbehindertenorganisation (1971) (Sasemane Refah Naschnawajan).
  • 1980 wurde das Ministerium für "Gesundes Leben" (persisch: Sasemane Behsisti Keschwa) vom Gesundheitsministerium gegründet. Diese Behörde übernahm alle früheren Aufgaben des MSP


Medien und Texte

Kurze Beschreibung des Iran

Der Iran ist ein Staat in Vorderasien, der zwischen Arabien und Afghanistan liegt. Die Bevölkerungsrate lag 1976 bei 33,6 Millionen Menschen und ist mittlerweile auf 68 Millionen Menschen angewachsen. Das Gros (ca. 51%) der Bevölkerung Irans ist indogermanischen Ursprungs und spricht Persisch und ca. 21% Türkisch. Die Stämme und Volksgruppen, die Türkisch sprechen, sind: Aserbaidschaner, Turkmenen, Schahsawan, Afschar, Qaschqai und Chamsa. Ein Teil der Bevölkerung spricht Arabisch. Weitere Stämme und Volksgruppen mit anderen Sprachen und Dialekten sind Gilakisch 6,1%, Lur-Bakhtiari 5,7%, Mazandarni 4,9%. Auf die Auswirkungen dieser Vielsprachigkeit im sonderpädagogischen Bereich wird noch ausführlicher eingegangen.

Die Iraner gehören der schiitischen Glaubensrichtung innerhalb des Islams an. Die größte nichtmuslimische Minderheit stellen die Christen mit 0,6% dar. Unter ihnen sind die Armenier mit 0,43% die größte, älteste und bedeutendste Gruppe. Nach den Christen stellen die Juden mit ca. 0.4% die nächste Minderheit dar.

Die traditionelle Sozialstruktur im Iran wurde im Wesentlichen von zwei Schichten bestimmt: von der Elite des Landes (bestehend aus der Familie des Schahs, dem Hof, den Großgrundbesitzern, den Oberhäuptern der großen Stammesverbände und den führenden Geistlichen) und der Masse der besitzlosen Pächter, Landarbeiter und Bediensteten. Dazwischen befand sich eine dünne Mittelschicht von Basarhändlern und Handwerkern, niederen und mittleren Geistlichen, Dorfvorstehern und staatlichen Bediensteten, die sich nur wenig über die unterste Schicht erhob und von der Elite weit entfernt war. Im Wesentlichen wurde die soziale Stellung durch die Geburt und nicht durch individuelle Fähigkeiten oder Leistungen bestimmt. Dieses traditionelle Gefüge hat sich in den letzten Hundert Jahren erheblich verschoben. Am auffälligsten ist die Entstehung einer Arbeiterklasse als Folge der Industrialisierung, die Herausbildung einer breiten oberen Mittelschicht und die ständig wachsende Mobilität, die davon zeugt, dass Geburt, Einfluss und Beziehungen nicht mehr allein die gesellschaftliche Position bestimmen.

In der traditionellen iranischen Gesellschaft spielt die Familie als Grundeinheit des sozialen Zusammenlebens eine außerordentlich wichtige Rolle. Sie bietet dem einzelnen Sicherheit, bestimmt seine soziale Position, verleiht ihm Identität und fördert sein berufliches Fortkommen. Wohlhabende Familien bewohnen ein Haus und führen einen gemeinsamen Haushalt. Ist dies nicht möglich, bleibt man wenigstens in unmittelbarer Nachbarschaft. An der Spitze der Familie steht als Familienoberhaupt de älteste Mann, der in patriarchalischer herrscht und nach seinem Verständnis für das Wohl der Familie sorgt. Unter den nachfolgenden Männern wird die Autoritätsstufung vom Alter bestimmt. Die Töchter sind ganz klar benachteiligt. Von der Frau wird erwartet, dass sie sich auf die Pflichten des Haushaltes und der Kindererziehung beschränkt. Die Schwiegertochter muss sich der Autorität der Mutter ihres Mannes fügen.

Die Bedeutung der Großfamilie liegt traditionell in ihrer Funktion als Schutzverband und Wirtschaftseinheit: Alle arbeitsfähigen Familienmitglieder wirken mit an der wirtschaftlichen und sozialen Prosperität des Familienverbandes, sei es in der Landwirtschaft, im Handel oder im Handwerk. Da die Größe der Familie ein entscheidender Faktor für die wirtschaftliche und soziale Behauptung der Familie ist, steht Kinderreichtum in hohem Ansehen. Unter den Aspekt der wirtschaftlichen und sozialen Existenzsicherung und Verbesserung gehört auch die Heiratspolitik. Kinder werden nicht selten im Kindesalter ehelich versprochen und (vor allem in ländlichen Gebieten) im Widerspruch zu den gesetzlichen Bestimmungen, ab etwa 12 Jahren verheiratet. Nach dem staatlich geltenden Gesetz ist ein Mindestalter von 16 Jahren bei Frauen und 18 Jahren bei Männern für die Eheschließung erforderlich, nach den Normen des Islams jedoch von neun Jahren bei Mädchen und 15 Jahren bei Jungen.


Erziehungssystem/Schulsystem

Jahrhunderte lang sorgten traditionelle Koranschulen (Maktab) und die weiterbildenden religiösen Schulen (Madrasa) auf herkömmliche Weise für die Erziehung und Bildung im Iran. Sie haben ihre Funktion bis in die Gegenwart behalten und sind besonders seit 1979 wieder aufgelebt.

Erst in den Jahren 1850/51 wurde eine entscheidende Erweiterung des Erziehungs- und Bildungswesens im Iran eingeleitet. Sie war Teil der Reformbewegungen, die das gesamte iranische Staatswesen grundlegend betrafen. Der Bedarf an Führungskräften in Armee und Verwaltung gab Anlass für die staatliche Förderung im Bereich der höheren Lehranstalten. Die ersten Primar und Sekundarschulen wurden Ende des 19. Jahrhunderts durch private Initiative errichtet (1901 gab es 21 Primarschulen, davon 17 in Teheran). Gesetze von 1911 sahen den Aufbau einer staatlichen Schulorganisation weitgehend nach französischem Vorbild vor. Außerdem wurde die Schulpflicht für die Kinder vom siebten Lebensjahr an und der Bau von Schulen im ganzen Land gefordert, auch in den Dörfern.

Das alte Schulsystem sah eine sechsjährige Primarschule (7-12 Jahre) und eine gleichfalls sechsjährige Sekundarschule (13-18 Jahre) mit zwei Dreijahreszyklen vor. Der zweite Zyklus bot drei für die Universität vorbereitende Fachrichtungen (Literatur, Mathematik und Naturwissenschaften) und eine im wesentlichen für Schülerinnen bestimmte Fachrichtung: Hauswirtschaft. Daneben gab es – in relativ geringer Zahl – Fachoberschulen im berufsbildenden Sinne für Landwirtschaft, industrielles Gewerbe, Kunstgewerbe und Handel. Mitte 1965 wurde das Grundmodell eines neuen Schulsystems vorgelegt, das die gesamte voruniversitäre Ausbildung umfasste. Durch dieses, mit einigen Änderungen bis heute gültige System, wird die bisher sechsjährige Primar- Grundschule auf fünf Jahre reduziert und als erster Teil einer sich auf acht Jahre erstreckenden Allgemeinerziehung gesehen. Der zweite (dreijährige) Teil der Allgemeinerziehung bildet die wesentliche Neuerung, weil er nicht nur der allgemeinen Fortbildung dient, sondern als Lenkungsperiode das Ziel der Eignungsprüfung verfolgt. Abhängig von den in dieser Periode gezeigten theoretischen oder praktischen Fähigkeiten soll der Schüler in den für ihn geeigneten Weg der weiteren Schulbildung oder kurzfristigen Berufsausbildung gelenkt werden, für welchen Beruf er geeignet ist, falls er keine weitere Ausbildung anstrebt. Parallel zu der Lenkungsperiode steht für die Grundschulabsolventen wahlweise eine einjährige oder zweijährige Gewerbeschulausbildung im Sinne einer vorbereitenden Berufsausbildung zur Verfügung. Zur Prüfung der praktischen Fähigkeiten gehört auch handwerkliche Betätigung. Diese Schulen (Lenkungsperiode) sind wie die Grundschulen organisatorisch selbstständig.


Historischer Abriss über den Umgang mit Behinderten im Iran

Zur Einschätzung von Behinderung in der altiranischen Zeit

Die Angriffe der Araber auf den Iran (651 n. Chr.) und die danach einsetzende Beherrschung durch die fanatisch regierenden arabischen Eroberer verursachten, dass alle iranischen Bibliotheken in Brand gesetzt wurden. Aus diesem Grund gibt es keine Dokumente, die sich auf Behinderte und ihre Lage in dieser Zeit vor dem Islam beziehen. Zu den ältesten Dokumenten, die zurzeit aus dem Iran zur Verfügung stehen, zählt ein Teil der AVESTA, des heiligen Buches Zarathustras, des Propheten der Iraner, in dem über die Behinderung geschrieben wurde. Die Menschen werden darin aufgefordert, mit Behinderten menschlich umzugehen. Es gibt auch Gebete aus dem Buch DINKERT, dem Gebetsbuch Zarathustras, in denen Gott um gesunde und erziehbare Kinder gebeten wird.

Firdausi (940-1020), der große iranische Dichter, der mit seinem Buch "Schah Nameh" (Königsbuch) nach dem Angriff der Araber einen großen Teil iranischer Kultur, Tradition und Sitte in Form von Gedichten geprägt hat, erzählt bei der Geburt von ZAL-E NARIMAN über das gesellschaftliche Verhalten und die gesellschaftliche Anerkennung den behinderten Kindern gegenüber. Viele Gedichte, Gebete oder Verse zeigen, dass in altiranischer Zeit ähnlich wie im Antiken Sparta ein ungesundes bzw. behindertes Kind als Schande für die Familie betrachtet wurde.


Einschätzungen von Behinderung in der iranischen Gesellschaft nach der Islamisierung

Die Einstellung der iranischen Gesellschaft zur Behinderung war, nach der Islamisierung (634 n. Chr.) bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, vom islamischen Glauben und den sozioökonomischen Bedingungen der Familie abhängig. Die Situation der Behinderten hat sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht wesentlich geändert. Da es keine wissenschaftliche Untersuchungen oder sonstige Quellen zur Einschätzung von Behinderungen in der iranischen Gesellschaft gibt, will der Autor am Beispiel der Konfrontation mit der Tatsache, das ein Kind behindert geboren oder später behindert geworden ist, die Gesellschaftliche Einstellung aufzeigen. Dieses Beispiel beruht auf den persönlichen Erfahrungen des Autors, bzw. wird anhand von drei persischen Sprichwörtern herausgearbeitet:

  1. "Der, der den Zahn geschenkt hat, der gibt auch Brot zu kauen."
    Der Autor meint, dass dieses Sprichwort zeigt die Reaktion der Armen Eltern aus der Unterschicht und der Leute, die versuchen die Behinderten zu respektieren.
  2. "Wenn der Herr willentlich eine Tür zuschließt, dann öffnet er aus seiner Liebe und Gnade eine andere."
    Dieses Sprichwort bringt die Wertschätzung gegenüber Fähigkeiten Behinderter (z.B. gegenüber Blinden, die zwar nicht sehen können, aber dafür gut hören und ein gutes Gedächtnis haben) zum Ausdruck.
  3. "Der Herr hat von vornherein gewusst, was für ein Tier der Esel ist, sonst hätte er ihm auch Hörner gegeben."

Die behinderten Kinder von reichen und gebildeten Eltern, die zur Oberschicht gehören, werden mehr akzeptiert, wenngleich trotzdem versucht wird, ihre Existenz zu verheimlichen. Hier bringt der Autor wieder ein Beispiel aus seinen persönlichen Erfahrungen an. Als er beim Studium im Iran eine Hausarbeit über die Ursachen von Behinderung beschreiben wollte, besuchte er die Schwerbehindertenschule "John F. Kennedy". Er brauchte die Unterlagen eines Kindes, bekam sie aber nicht ausgehändigt. Die Begründung lautete, dass die Schüler alle aus der Oberschicht stammten und die Eltern es nicht wollten, dass es öffentlich bekannt würde, dass sie ein behindertes Kind haben.

Ein weiteres Fallbeispiel aus der Gegenwart: "Ein Milliardär, Besitzer von acht Kinos und Theatern, zugleich Bürgermeister einer Stadt im Iran, bekam einen blind geborenen Sohn. Das Kind wurde in ein Zimmer gesperrt, denn niemand sollte erfahren, dass der Bürgermeister ein behindertes Kind hatte. Dieses Kind, bzw. der Blinde lebte bis zu seinem 25. Lebensjahr in den vier Wänden seines Zimmers, wurde gefüttert, an- und ausgezogen und dachte, alle seien wie er. Als der Vater sein Verbrechen einsah und den inzwischen 25jährigen Mann zu einer Blindenschule schickte, war dem Sohn noch nicht bekannt, dass er blind von Radiosendern die englische Sprache erlernt, Gedichte auswendig gelernt sowie die Namen bedeutender Komponisten der ganzen Welt."

Diese Beispiele zeigen die tatsächliche Einstellung vieler Oberschichtsfamilien gegenüber Behinderten: Ein eigenes Behindertes Kind stellt einen Makel für ihren eigenen gesellschaftlichen Status dar.

In den Unterschichtsfamilien werden die Behinderten Kinder z. T. akzeptiert (in dem sie sich sagen: "Gott hat es so gewollt, also müssen wir es akzeptieren"), von anderen wird das behinderte Kind, vor allem wenn es ein Junge ist, als Belastung empfunden, denn Kinder– vor allem Jungen- werden als Kapital und Sicherheit für die Alterversorgung angesehen. Von einem behinderten Kind können sich die Eltern weder vorstellen, dass es diese Erwartung erfüllt, noch dass es sich selbst ernähren könnte. Deshalb betrachten sie es als eine bis zum Lebensende bestehende Last, und leider kommt es nicht selten vor, dass Eltern ihre Behinderten Kinder, ebenso wie unerwünschte und uneheliche, aussetzen oder in einen Brunnen werfen.


Behindertenfürsorge im Iran

Die Situation der Behinderten ist vom Wohlstand einer Gesellschaft abhängig. Wenn eine Gesellschaft Nicht im Stande ist, sich selbst zu ernähren, wie kann sie für Behinderte sorgen? Die Lehre des Islams sagt eindeutig, dass jeder Moslem an die Armen und Schwachen denken muss und für sie sorgen soll. Mohamed hat auch konkret die Anweisung gegeben, dass Behinderte und Arme aus öffentlichen Budgets unterstützt werden sollten. Am Anfang des Islams ist diese Vorschrift eingehalten und es ist von offizieller Seite für Behinderte gesorgt worden, aber nach und nach wurden die Vorgaben des Islams locker gehandhabt, die reichen Gläubigen ließen nach, für die armen Brüder und Schwestern zu sorgen, und so blieb den Behinderten der Unterschicht keine andere Wahl als auf der Straße zu betteln. Den Behinderten wurde nur noch geholfen, wenn man ihnen beim betteln begegnete. Bis in die Gegenwart hat sich diese Einstellung Behinderten gegenüber gehalten.

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Pastor Christoffel
Von Behindertenfürsorge im Zusammenhang mit Behindertenpädagogik kann im Iran erst nach 1920 gesprochen werden. Ende 1920 kam Pastor Ernst Christoffel (geb. 1876) mit drei weiteren deutschen Missionaren in den Iran. Die Not der zahllosen Behinderten bzw. Blinden im Orient anzugehen, hatte Christoffel schon in seinen Jugendjahren als wichtige Aufgabe für Christen in Deutschland und besonders für sich persönlich erkannt. Zunächst begab er sich zusammen mit seiner Schwester im Jahre 1908 in die Türkei. Die beiden konnten dort eine hoffnungsvolle Arbeit unter Behinderten beginnen, deren Fortsetzung aber leider durch den ersten Weltkrieg und den Zusammenbruch Deutschlands unmöglich wurde. Ab 1921 mieteten die vier Missionare ein kleines Haus in Täbris im Iran. Die Blindenfürsorge als Hauptanliegen vor Augen, hatten sie es sich doch zum Prinzip gemacht, keinen Hilfsbedürftigen von der Tür abzuweisen. "So kamen außer Blinden auch so genannte Niemandskinder, Taubstumme, Krüppel, Frauen und Gegangene ins Haus." Im November 1928 reisten Christoffel und einer seiner Mitarbeiter nach Isfahan. Dort konnten sie im Mai 1929 außerhalb der Stadt ein größeres Haus beziehen. Isfahan eignete sich für eine überregionale Tätigkeit sehr gut, weil es von dort Verbindungen in alles Richtungen gibt. Was in Täbris Prinzip war, galt auch für Isfahan. Auch dort wurde neben dem Hauptanliegen der Blindenfürsorge den Taubstummen, Körperbehinderten und Geistigbehinderten die Tür geöffnet. 1940 mussten Christoffel und seine Mitarbeiter wegen des zweiten Weltkrieges das Land verlassen. Zehn Jahre später kam Christoffel in den Iran zurück, um seine Arbeit fortzusetzen.

Inzwischen konnte eine Engländerin namens Gungster eine zweite Schule für Erziehung und Fürsorge von blinden Mädchen eröffnen. Seit dieser Zeit hat Christoffel seine Bemühungen im Sinne spezieller Blindenerziehung für Jungen weiter geführt. Der Verein Sozialdienst (Sasemane Khademate Edjitemai), eine Organisation der königlichen Stiftung, wurde 1947 gegründet. Dieser Verein hat im Jahre 1948 mit der Gründung einer Gewerbeschule namens "Rudaki" für Behinderte die Verantwortung für Fürsorge und Bildung der Behinderten übernommen. Auch Waisenkinder und solchen, die früher bettelnd auf der Straße leben mussten, aber inzwischen in staatlichen Heimen gesammelt und untergebracht wurden, sollten in dieser Gewerbeschule die Möglichkeit zu einer gewerblichen Ausbildung finden.


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m5d080fcb.jpg Alle Grafiken: sonderpädagogische Förderung im Iran um 1950

Lains (eine internationale Organisation) übernahm 1957 die Verantwortung für die Behinderten. Lains hat im Jahre 1960 die Rudaki-Schule, die monatlich 400000 Rial an Kosten hatte, aufgrund mangelnder Finanzierungsmöglichkeiten geschlossen. Die Organisation Lains konnte trotz vieler Bemühungen zwischen 1957 und 1961 keine Fortschritte im Bezug auf die Behindertenfürsorge im Iran verzeichnen.

In Teheran wurde 1960 ein Zentrum für Gehörlose durch die Initiative von Gehörlosen selbst gegründet. Sie nahmen sich auch der Unterstützung der Sprachbehinderten an. Diese Art von Organisation ist im Iran eine Seltenheit, da sämtliche Mitarbeiter mit Ausnahme der Leiter selbst behindert sind.

Folgende Organisationen sind im Iran für Behinderte zuständig:

  • die Nationale Blindenwohlfahrtsorganisation (1970) (Sasemane Khademate Edjitemai)
  • die Nationale Sprachbehindertenorganisation (1971) (Sasemane Refah Naschnawajan).


Die Ursachen des Auftretens von Behinderungen im Iran

Die Ursachen des Auftretens von Behinderungen im Iran sind zunächst vermutlich die gleichen wie in anderen Ländern. Unterschiede können m.E. darin bestehen, dass die sozioökonomischen und kulturellen Bedingungen im Iran zu einer, im Vergleich zu anderen Ländern, hohen Zahl von Behinderungen geführt haben. Durch die Kriegsjahre zwischen Iran und Irak und die ständige Bombardierung der Städte hat sich die Zahl der Behinderungen sicherlich noch weiter erhöht. Die Zahl der Kriegsversehrten kommt noch hinzu. Es gibt leider keine genauen Statistiken über Behinderte im Iran. Die Welt-Gesundheitsorganisation schätzt die Zahl der Behinderten im Iran im Jahre 1982 auf ca. drei Millionen, das entspräche ca. zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung. Eine Analyse der Ursachen von Behinderung im Iran wird einfacher, wenn man Hensles Formulierung verfolgt, so der Autor.

"Grob lassen sich drei Gruppen von Behinderungsursachen unterscheiden:

  1. genetische: die Behinderung ist bereits durch die genetische Ausstattung determiniert;
  2. organisch-exogene: die Behinderung ist durch die organische Schädigung eines Organs oder Organsystems zustande gekommen, wobei eine besondere Gefährdung vor, während und kurz nach der Geburt besteht (präperi- und postnatale Schädigung);
  3. psychosoziale: die Behinderung ist durch Erziehungs- oder Milieueinflüsse in der Kindheit, zum Beispiel durch soziokulturelle Benachteiligung, zustande gekommen."


Genetische Ursachen

In einer Rede von Mohammed, die im Iran besonders auf dem Land und bei Nomaden immer noch Geltung hat, wird gesagt: "Die Eheschließung zwischen Cousins und Cousinen ersten Grades ist im Himmel beschlossen." Diese Aussage hat ihren realen Hintergrund in den wirtschaftlichen Bedingungen und der Familienstruktur der Nomaden. Unter dem Einfluss islamischer Prediger und der islamischen Regierung ist die Zahl der Ehen zwischen Verwandten weiter angestiegen. Wenn wir davon ausgehen, dass genetische Krankheiten nach den Mendelschen Gesetzen durch die Gene auf die nächste Generation weitervererbt werden, können wir annehmen, dass eine hohe Zahl von Behinderungen hier ihre Ursache hat (vgl. Hossein Akhlagi-Kohpai).

Eine andere Ursache, die auch religiösen Ursprungs ist, sind die Kinderehen. Das traditionelle islamische Recht (Schariatrecht) erlaubt den Mädchen ab neun Jahren und den Jungen ab fünfzehn Jahren zu heiraten. Obwohl das gesetzliche Heiratsalter im Iran für Mädchen bei fünfzehn Jahren und für Jungen bei achtzehn Jahren lag (nach dem Familienschutzgesetz von 1975 für Mädchen bei achtzehn und für Jungen bei zwanzig Jahren), hat sich die islamische Tradition auf dem Land und bei religiösen Familien erhalten. Das Familienschutzgesetz ist von der islamischen Regierung von 1979 bis heute recht nachsichtig gehandhabt worden. Das erste Kind solcher sehr jungen Frauen kommt oft tot oder behindert zur Welt.


Organisch-endogene Ursachen (Medizinische Ursachen und Ursachen medizinischer Fürsorge)

ach der Statistik von 1975 (veröffentlicht im Jahre 1978 von Susanne Barname we Budje) praktizieren etwas mehr als die Hälfte der 11.760 gezählten Ärzte in der Provinz Teheran, obwohl dort nur etwa 20% der iranischen Gesamtbevölkerung leben. Das bedeutet, dass in Teheran ein Arzt auf 1079 Einwohner kommt und der medizinische Versorgungsgrad sich damit den Verhältnissen in den Industrieländern annähert. Nach der gleichen Statistik hat der Iran 498 Krankenhäuser mit 29.194 Betten. Das bedeutet wiederum, dass auf 1109 Einwohner ein Krankenhausbett kommt. Von 498 Krankenhäusern befinden sich 147 mit einer Zahl von 17.000 Betten- also fast der Hälfte der gesamten Bettenkapazität- in der Zentralprovinz Teheran gegenüber 352 Krankenhäusern in den anderen Provinzen.

Diese Statistischen Daten lassen vermuten, dass die Säuglingssterblichkeit und die Zahl der Schädigungen, die bei lebend geborenen Kindern zu einer Behinderung führen können, sehr hoch sein müssen. Wenn man als Befund einer Studie über Kindersterblichkeit liest, dass ein Nabelschnur Vorfall in 18% der Fälle zum Tod des Kindes führte, dann kann man sich vorstellen, was der Mangel an ärztlichen Betreuungsmöglichkeiten bedeutet. Der Autor berichtet in seiner Dissertation, dass seine Mutter selbst achtzehnmal schwanger war und von diesen Kindern zehn tot geboren wurden oder früh starben. Dazu kommt, dass in vielen iranischen Dörfern noch traditionelle Geburtshelfer tätig sind und es keine ausgebildeten Fachkräfte gibt. Dieser Mangel an Ärzten macht sich besonders bei Kinderkrankheiten und Unfällen bemerkbar. Entsprechend der mangelhaften medizinischen Versorgung im Iran sind die Unfallzahlen sehr hoch. Viele Menschen verunglücken durch Strom, Gas oder Verbrennungen. Die meisten von ihnen sind Kinder. Eine Statistik von 1976 zeigt, dass 46% der Bevölkerung im Iran unter 15 Jahren alt ist. Hinzurechnen muss man die Opfer des iranisch-irakischen Krieges; dazu zählen die verwundeten Soldaten ebenso wie die Personen (darunter auch viele Kinder), die bleibende Schädigungen von Bombenangriffen zurückbehalten haben. Außerdem muss man die psychischen Auswirkungen des Krieges (einschließlich der Bombenangriffe) auf die Zivilbevölkerung berücksichtigen. Betroffen sind vor allem hier schwangere Frauen, die in Folge von Angst und psychischem Stress an Nerven- und Herzkrankheiten leiden, weshalb häufiger Fehlgeburten auftreten und mehr Kinder krank oder behindert zur Welt kommen.


Psycho- soziale Ursachen

Wie schon am Anfang dieses Berichtes erwähnt, sprechen ca. 50% der Gesamtbevölkerung Irans Türkisch, Arabisch, Kurdisch usw., da dies ihre Muttersprache ist, jedoch kein persisch. Persisch ist allerdings Staatssprache und an allen Schulen des Landes Unterrichtssprache. Alle Unterrichtsbücher sind auf persisch geschrieben. Viele Kinder aus Aserbeidschan, Kurdistan, Khusestan, Turkmenistan und Belutschistan - insbesondere die, die vom Land kommen - sprechen kein Persisch, wenn sie in die Grundschule kommen. Sie werden aber von Anbeginn auf Persisch unterrichtet. Die Lehrer kommen meist aus der Stadt oder aus Gebieten in denen Persisch gesprochen wird, und sprechen oft nicht die jeweilige Muttersprache ihrer Schüler. Viele Sprach- und Lernbehinderungen bei Schulkindern sind auf diese Probleme zurückzuführen. Der Autor dieser Dissertation hat diese Probleme persönlich miterlebt. Seine Muttersprache ist persisch und er hat selbst drei Jahre als Lehrer in arabisch- sprachigen Dörfern gearbeitet. In diesem Fall waren nur 20% der Kinder in der Lage, die Grundschule abzuschließen und nur 1% der Kinder konnte den Anschluss an ein Gymnasium erreichen. Solche Kinder werden isoliert und häufig lernbehindert, wenn die Eltern in die Stadt abwandern, um dort zu arbeiten. Diese Kinder werden auf Schulen geschickt, in denen die meisten anderen Kinder Persisch sprechen. Sie kommen dort weder mit den anderen Mitschülern noch mit den Lehrern zurecht. Aus diesem Grund gibt es im Iran sehr viele "lernbehinderte" Kinder, jedoch ist diese Behinderung nicht offiziell anerkannt und es gibt auch keine entsprechenden Lernbehinderten Schulen.

Eine andere Schwierigkeit, die oft Lern- und eventuell sogar Sprachbehinderungen verursacht, könnte die Prügelstrafe sein. Im Iran gibt es noch keine geregelte Lehrerausbildung. Viele Lehrer haben mit sozialen und finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Schuldisziplin, schlechte Lehrpläne und überfüllte Klassen (40-50 Kinder) sind Probleme die die Lehrer angesichts mangelnder Ausbildung zur Anwendung der Prügelstrafe veranlassen, was bei den Kindern zu Angst und Lernbehinderungen führt. Kurzer historischer Abriss der Behinderten-, Heil- und Sonderpädagogik im Iran

Man kann nicht von behindertenpädagogischen Bemühungen in der Vergangenheit sprechen, da die Anfänge des iranischen Erziehungssystems erst hundert Jahre zurückliegen. Ausnahmefälle waren manche Blinde, die aus der Oberschicht oder intellektuellen Familien kamen und in normalen Koranschulen oder Madrase unterrichtet wurden (die Unterrichtsmethode in der Maktab oder Madrase war Auswendiglernen und Nachsprechen). Solche bedeutenden Ausnahmen, die als Dichter und Philosophen im Iran lebten, sind: Abu Abdallah Dachafar ben Mohammed Rudaki (858-940), Hadschi Mohammad Taghi Schuride (gest. 1926) und Mirza Abdul-Gawad Adib Nischapuri (gest. 1926).

Die Geschichte der Behindertenpädagogik im Iran begann, als Ernst J. Christoffel 1921 die erste Blindenschule in Täbris gründete (siehe oben). Zur gleichen Zeit forschte Sabith Behrus – ein iranischer Wissenschaftler - über die Erziehung der Taubstummen und Gehörlosen. Sein Buch über die Erziehung und Bildung der Taubstummen ist die erste iranische Untersuchung und schriftliche Darlegung von Behindertenbildung. Vermutlich hat Behrus zum Zwecke seiner Untersuchungen einige Taubstumme selbst unterrichtet. Weiterhin gründete 1925 Idabar Baghcheban die erste Schule für Gehörlose und Taubstumme. Es kann nicht nachgewiesen werden, wer von beiden - Behrus oder Baghcheban - sich als erster mit Taubstummenbildung beschäftigte. Bis 1967, als das vom Kultusministerium gegründete Ministerium für Sonderpädagogik (MSP) die volle Verantwortung für die Behindertenerziehung übernahm, wurden mehrere Privat- und staatliche Sonderschulen in Großstädten eröffnet.


Zur Entwicklung der Behindertenpädagogik seit der Gründung des MSP

Den 1960er und 1970er Jahren kommt in der Geschichte des Iran besondere Bedeutung zu. In dieser Zeit gab es einen erheblichen wirtschaftlichen Aufschwung, desgleichen wurde Fortschritte auf wissenschaftlichem Gebiet sowie in kultureller Hinsicht gemacht. Die steigernde Bedeutung des Erdöls in der Wirtschaftsentwicklung der Industrieländer sicherte Iran einen wichtigen Platz unter den Ölexportierten Ländern. Die hohen Einnahmen aus dem Ölexport ermöglichte dem Iran eine beschleunigte Entwicklung in verschiedenen Bereichen, darunter auch denen der Erziehung und Bildung. Der Artikel 11 des Schulgesetzes vom 5. August 1964 legte die Gründung spezieller Schulen für behinderte Kinder fest. Dieses Gesetz bewirkte zunächst, dass das Erziehungsministerium die Bezahlung der Lehrer der existierenden privaten Einrichtungen für Blinde, Schwerhörige und Geistigbehinderte übernahm. 1969 wurde dem Kultusministerium ein Ministerium für Sonderpädagogik (MSP) angegliedert, dessen Politik das Ziel verfolgte, behinderte Kinder so weit wie möglich in normalen Schulen und in die Gesellschaft zu integrieren. Die Aufgabe des Ministeriums für Sonderpädagogik bestand in erster Linie darin, alle bestehenden Sonderpädagogischen Bemühungen, seien sie privat oder staatlich, zu zentralisieren und zu koordinieren.

Die verschiedenen Organisationen, welche schon vorher für die Sonderpädagogik verantwortlich waren, unterstanden nun der Leitung und Kontrolle des MSP. Zu diesen Organisationen zählen:

  • das Ministerium für Erziehung, welches die Erziehung behinderter Kinder auf primärer und sekundärer Ebene überwacht
  • das Ministerium für soziale Wohlfahrt, welches die spätere Berufsausbildung der behinderten Betreut
  • die Stiftung Farah Pahlewi (Königin)
  • die nationale Organisation zum Schutz des Kindes, welche spezielle Programme erstellte, mit denen behinderten und benachteiligten Kindern geholfen werden sollte.

Unter der Betreuung des MSP entwickelte sich das Behindertenbildungswesen in den 1970er Jahren im ganzen Land. In mehreren Städten wurden Sonderschulen gegründet, oder Behinderte wurden in normalen Schulen aufgenommen.

Die Tabellen 1, 2 und 3 zeigen, dass während der letzten drei Jahre des Schahregimes die Zahl der Kinder, die (allgemeinbildende und Sonder-) Schulen besuchten, insgesamt angestiegen ist.

Tab. 1: Verteilung der Sonderschüler in den Verschiedenen Gebieten Irans.

Nr. Provinzen Schüler % Schüler % Schüler % '
1Teheran341249,79388846,5372343,37
2Chusistan5387,866207,416767,85
3Masenderan2794,073323,973844,46
4Fars4186,14955,925055,87
5Chorasan4085,965126,126167,16
6Esfahan3815,564275,14925,71
7Arak--4225,041812,1
8Aserbaidschan2723,9722713,242913,38
9Giulan2353,432743,273003,48
10Kerman1111,621261,51391,61
11Kermanschahan1001,461341,61231,42
12Sandjan--190,222032,35
13W-Aserbaidschan1402,041381,621571,82
14Semnan1532,231692,021591,84
15Hamadan1071,561491,781421,65
16Loristan781,131011,21031,23
17Buschehr370,54330,39510,59
18SistanÜ./ Belutschistan400,58640,76420,48
19Kurdistan--320,38480,55
20Hormozgan370,54500,56690,8
21Tschaharmahal u. Bachtiari200,29200,231061,23
22Jesd751,09700,83800,93
23Ilam--130,15120,13
24Kohgiluyed u. Bujerahmed20,0210,01--
Gesamt 6.843 100 8.360 100

Quelle: Statistik des Kultusministeriums des Irans 1977-1979, S.23, 37, 38


Tab. 2: Anzahl der Sonderschulklassen im Iran

' ' 1977 ' 1978 ' 1979 ' '
Nr.ProvinzenKlasse%Klasse%Klasse%
1Teheran76047,3538742,9539037,79
2Chusistan668,68707,769201.08.91
3Masenderan314,07363,99494,47
4Fars455,92414,55676,49
5Chorasan476,18606,657101.06.87
6Esfahan526,84677,43939,01
7Arak--505,54242,32
8Aserbaidschan303,94384,21403,87
9Giulan273,55323,55383,68
10Kerman162,1131,44161,55
11Kermanschahan81,05131,44171,64
12Sandjan--20,22212,03
13W-Aserbaidschan151,97131,44171,64
14Semnan172,23192,1232,22
15Hamadan101,31121,33171,64
16Loristan81,05111,22161,55
17Buschehr50,6540,4470,67
18SistanÜ./ Belutschistan40,5260,6650,48
19Kurdistan--40,4450,48
20Hormozgan50,6560,6650,77
21Tschaharmahal u. Bachtiari10,1310,1120,19
22Jesd121,57141,55131,25
23Ilam--10,1110,09
24Kohgiluyed u. Bujerahmed10,1310,11--
Gesamt 760 100 901 100 1032 100

Quelle: Statistik des Kultusministeriums des Irans 1977, 1978, S.18, 21, 22


Tab.3: Anzahl der Sonderschulen im Iran

' ' 1977 ' 1978 ' 1979 ' '
Nr.ProvinzenSonderschule%Sonderschule%Sonderschule%
1Teheran11553,2210144,4910545,2
2Chusistan136,01146,161056,46
3Masenderan136,01146,16146,03
4Fars125,55125,28135,6
5Chorasan104,62104,4104,31
6Esfahan94,16114,84104,31
7Arak--135,7283,44
8Aserbaidschan73,2473,0883,44
9Giulan62,7773,0883,44
10Kerman41,8541,7662,58
11Kermanschahan41,8562,6452,15
12Sandjan--20,8852,15
13W-Aserbaidschan41,8541,6741,72
14Semnan62,7762,6441,72
15Hamadan31,3931,3241,72
16Loristan31,39301.01.3241,72
17Buschehr20,9220,8841,72
18SistanÜ./ Belutschistan10,4620,8810,43
19Kurdistan--1O,4410,43
20Hormozgan10,4610,4410,43
21Tschaharmahal u. Bachtiari10,4610,4410,43
22Jesd10,4610,4410,43
23Ilam--10,4410,43
24Kohgiluyed u. Bujerahmed10,4610,44--
Gesamt 216 100 227 100 232 100

Quelle: Statistik des Kultusministeriums des Irans 1977 1979, S.15-17

Bei einem Vergleich der Behindertenzahlen der Bundesrepublik Deutschland und dem Iran im Jahre 1976-1979 finden sich erhebliche Unterschiede, z.B. bei den Hörgeschädigten: Iran 32,19%; Bundesrepublik Deutschland 3,3%. Dies liegt vermutlich daran, dass im Iran nicht ausreichend zwischen Gehörlosen, Sprachbehinderten und Verhaltensgestörten unterschieden wird. Zum anderen werden wahrscheinlich infolge mangelnder Frühförderung und Sprachtherapie bei Kleinkindern Hörschäden häufiger ausgebildet.


Tab.4: Anteile der Behinderungsarten an der Gesamtzahl aller Sonderschüler:

Geistigbehinderte 18,59%
Sehbehinderte1,11%
Körperbehinderte3,40%
Schwerhörige3,60%
Hochbegabte3,66%
Sprachbehinderte1,78%
Gehörlose32,19%
Blinde11,47%
Verhaltensgestörte2,19%
Verwahrloste1,97%

(vgl.: Statistik des Kultusministeriums 1979/77, S.11)


Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass Lernbehinderung im Sinne der deutschen Terminologie im Iran nicht als Behinderung anerkannt wird. In der Bundesrepublik aber bilden Lernbehinderte die größte Teilgruppe unter allen Behinderten.

Mit Beginn der Islamischen Republik (1979) begann eine neue Entwicklung aller gesellschaftlichen Bereiche; davon war auch das Erziehungs- und Behindertenbildungswesen betroffen. Weiterhin wurde 1980 ein Ministerium für "Gesundes Leben" (persisch: Sasemane Behsisti Keschwa) vom Gesundheitsministerium gegründet. Diese Behörde übernahm mit Ausnahme der Sonderpädagogik alle früheren Aufgaben des MSP. Somit behielt das MSP nur noch die Zuständigkeit für die Sonderpädagogik. Im Jahre 1980 wurden alle Organisationen, die sich mit der Behindertenversorgung befassten, einschließlich des Versorgungsamtes des Landes dem iranischen Landeswohlfahrtsverbandes unterstellt: demnach wurde dieser Verband für die Versorgung und die Behandlung der Krankheiten der Behinderten zuständig. Überdies wurde die Ausbildung der Behinderten der zentralen Ausbildungsstelle für Behinderte anvertraut, die dem Landesschulamt untersteht. In der nun folgenden Zeit vollzog sich in der Behindertenpädagogik- wie in anderen erreichen auch- zwar eine quantitative, jedoch keine qualitative Weiterentwicklung.

Entwicklung der schulpädagogischen Einrichtungen für Behinderte im Iran

Zur Zeit der Gründung des MSP, im Jahre 1968, sorgten landesweit 327 Lehrkräfte mit oder ohne Lehramtstudium für die Ausbildung von 1355 behinderten Schülern. Diese Zahl stieg bis zurzeit vor der islamischen Regierung, d.h. bis zum Jahre 1977, auf 8360 Schüler, die von 1331 Lehrkräften (mit oder ohne Lehramtsstudium) unterrichtet wurden. Ein Vergleich der Zahlen mit der Bevölkerungszahl führt zu der Feststellung, dass die Behinderten-Schulbildung- wenngleich sie sehr gesteigert wurde- der Bevölkerungszahl noch immer nicht entspricht und mit vielen Mängeln und Problemen behaftet war. Für das Schuljahr 1977/78 stellte man fest, dass die Zahl der Behinderten sogar weniger als ein Prozent der gesamten Schulpflichtigen im ganzen Land ausmachte. Doch die Statistik zeigt, dass sich im Schuljahr 1984/85 18.178 behinderte Schüler in einer Schulausbildung befanden (d.h. doppelt so viele wie im Jahr 1977/78. Zwischen 1982/83 und 1984/85 betrug der Anstieg allein 18%).

Bei der Betrachtung der Zahl kann man im Vergleich zum vorigen Schuljahr für die verschieden Provinzen des Landes folgendes feststellen:

Das westliche Azarbaydjan, Ilam und Buschehr zeigen eine Verminderung der Sonderschüler, das westliche Azarbaydjan um 5%, Ilam um 44% und Buschehr um 9%. Weitere sechs Provinzen des Landes weisen eine Steigerung der statischen Zahlen auf (Tab. 5)

Tab. 5:

Provinz Steigerung des Prozentsatzes bei
der Behindertenausbildung
1977/78 – 1984/85
Tscharmahale Bachtiari144,00%
Kohkiluye u. Boyerahamd135,00%
Baktharan93,00%
Kurdistan76,00%
Hormozgan65,00%
Sistan u. Balutschestan52,00%

Quelle: MSP 1985, S.22


Bei der Betrachtung der Tabelle stellt man fest, dass nach der Revolution den abgelegenen Provinzen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde als zuvor.

Betrachten wir nun die in Frage kommenden Statistiken für die Jahre 1984/85: In diesem Jahr besuchten 18178 Behinderte die verschiedenen Schulen des Landes; von diesen waren 6323, also 35%, Mädchen und 11.855, also 65%, Jungen. Weiter ist es zu beachten. Dass von diesen 6485 (36%) in Teheran und 11693 (64%) in anderen Städten die Schule besuchten. In demselben Schuljahr existierten im ganzen Land 315 spezielle Lernanstalten für Behinderte. Diese Zahl weist im Vergleich zum vorigen Jahr eine Steigerung von 18% (d.h. 49 neu gegründete Lernanstalten) auf. Von allen iranischen Lehranstalten waren 70 in Teheran und 245 in den andern Städten des Landes. Gesondert betrachtet, teilt sich der gesamte Bestand der oben genannten Lernanstalten wie folgt auf:

Zahl der Lehranstalten Gruppe der Auszubildenden
203Taubstumme, Hörbehinderte
80Blinde, Sehbehinderte
257Geistig Behinderte
55Verhaltensgestörte
2Hochbegabte

Quelle: MSP 1985, S. 22


Im Schuljahr 1984/85 standen den oben genannten Lehranstalten insgesamt 4163 Lehrkräfte zur Verfügung. Davon besaßen 1376 Personen keinen Lehramtsabschluss, 2787 waren ausgebildete Lehrer.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass nach der Revolution die Versorgung und Ausbildung der behinderten Kinder und Erwachsenen von der Quantität her eine rapide Steigerung aufweist. Trotz dieser Tatsache stellte sich bei den Gesprächen, die der Autor der Dissertation im Sommer 1969 in Teheran mit den zuständigen Mitarbeitern des iranischen Landeswohlfahrtsverbandes führte, heraus, dass trotzt dieser quantitativen Steigerung der Schülerzahl und der Versorgungsmöglichkeiten kein qualitatives Wachstum zu verzeichnen ist. Die leitenden Zuständigen meinten, dass die Behindertenversorgung unter finanziellen und personellen Mangel leidet und sich deshalb qualitativ nicht entwickeln kann.

Organisatorische Formen des Unterrichts und der Förderung Behinderter

Obwohl das Ziel des MSP war "behinderte Kinder soweit wie möglich in normale Schulen und in die Gesellschaft zu integrieren", sind die meisten Schulen für Behinderte im Iran aus dem allgemeinen Schulsystem segregierte Schulen. Nach der Meinung der ehemaligen Leiterin des MSP, Frau Dr. Homa Ahy,"sollte Integration als ein Mittel [gesehen werden], das Behinderten und Nichtbehinderten das Zusammenleben in zweifacher Weise ermöglicht und vermittelt:

  1. Behinderten Kindern soll dadurch ein besseres und soziales und emotionales Übungsfeld angeboten werden, was zum einen dazu dienen soll, dass sie sich selbst besser annehmen können, und zum anderen dazu befähigen soll, in der "normalen" Gesellschaft Dienste verrichten zu können.
  2. Nicht Behinderte Kinder sollen erfahren und erleben können, dass eine wertvolle Persönlichkeit nicht notwendigerweise einen ganzen und schönen Körper erfordert"

Frau Ahy meinte aber auch, dass eine Übertreibung der Integration eine Gefahr für die Erziehung Behinderter in sich birgt. Es ist wichtig flexibel zu sein, wobei" das endgültige Ziel ist, zu versuchen, das einzelne Kind mit seiner speziellen Familie, Behinderung und seinen kulturellen und sozioökonomischen Verhältnissen, in ein Programm zu integrieren, das es befähigt, zu einen Unabhängigen, erfolgreichen und glücklichen Individuum heranzuwachsen". Es gibt zur Zeit drei verschieden Formen der Beschulung für Behinderte im Iran: Segregierte Schulen (Sonderschulen- Internate und Tagesschulen), teilintegrierte Schulen( spezielle Klassen innerhalb der Regelschule) und vollintegrierte Schule( individuelle Ausbildung im Rahmen einer Normalklasse). In dem letzten Fall gehört das behinderte Kind zu einer Normalklasse und erhält den größten Teil seiner Erziehung zusammen mit nicht behinderten Schülern. Die Schule stellt aber einen speziellen Raum mit einem speziell ausgebildeten Lehrer für die behinderten Kinder oder für eine kleine Gruppe zur Verfügung. Das Kind darf, wenn es will, die Normalklasse verlassen und in diesen Raum gehen, wo es eine seinen Fähigkeiten angemessene Sonderausbildung bekommt.

Die Kombination von schulischer Integration und Teilintegration Behinderter im Iran ist in erster Linie aus ökonomischen und geografischen Gründen eine Notwendigkeit. Es wird jedoch von der Seite der Regierung versucht, soweit wie möglich die Sonderschule auszubauen. Eine direkte Übersetzung der Instruktion des MSP zeigt, welche organisatorischen Formen der Sonderpädagogik im Iran bestehen.


Organisation und Klassifizierung der Sonderschule im Iran

§1 Die Sonderschule ist eine staatliche oder private Einrichtung, die den Vorgaben, Gesetzen und Normen des Kultusministeriums und des MSP unterliegt. Sie ist zuständig für die gesamte Erziehung, die schulische und berufliche Bildung Behinderter entsprechend ihren Fähigkeiten.

Abs. 1: Die Sonderschulen für Blinde, Taubstumme, und Körperbehinderte, die nicht geistig behindert sind, können neben der normalen Schulausbildung auch Vorschulerziehungskurse einrichten.

Abs. 2: Die Sonderschulen für Geistigbehinderte und Verhaltensauffällige dürfen nur Vorschulkurse und Grundschulklassen einrichten.

Abs. 3: Sowohl in der Regelschule als auch in der Sonderschule können nach Bedarf eine oder mehrer gesonderte Klassen für Behinderte eingerichtet werden. Diese Klassen erhalten Unterricht durch einen speziell ausgebildeten Lehrer.

Abs. 4: Für Blinde und Sehbehinderte können separate Klassen eingerichtet werden, wenn ihre zahl an einer Schule ausreichend groß ist; ansonsten können sie zusammen in einer Klasse unterrichtet werden. (Entsprechenden gilt für Gehörlose und Hörgeschädigte)

Abs. 5: Für Geistigbehinderte und Verhaltensauffällige gibt es nur vormittags Unterricht.

Abs. 6: Die Lehrer für Sonderklassen in Regelschulen und Sonderschulen arbeiten unter der Leitung des Schuldirektors.

Abs. 7: Eine teilintegrierte Sonderschule umfasst mehrere Sonderschulklassen mit mindestens 30 Schülern (für verhaltensauffällige: 16 Schüler) in einer Regelschule. Eine teilintegrierte Sonderschule wird eingerichtet, wenn die Gründung einer Sonderschule nicht möglich ist.

Abs. 8: Die Gründung einer Sonderschule oder Teilsonderschule entscheidet der zuständige Referent des MSP.

Abs. 9: Der Direktor der Regelschule ist nur administrativer Direktor der teilintegrierten Sonderschule.

Abs. 10: Die Sonderklassen in der Regelschule sollen baulich möglichst nicht getrennt sein.

Abs. 11: Die Sonderschullehrer der integrativen Teilsonderschule arbeiten unter der Teiladministrativen Leitung des Direktors und unter der pädagogischen Leitung des Referenten für Erziehung des Kultusministerium.

Abs. 12: Die Heimschule für Sonderschüler wird eingerichtet für Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen im Heim bleiben müssen. Die Entscheidung über die Unterbringung im Heim liegt bei dem Referenten des MSP.

§2: Die Zahl der Behinderten Schüler einer Klasse darf nicht kleiner als 6 und nicht größer als 11 sein.

Abs. 1: Wenn die Zahl der Behinderten Schüler in einen Gebiet kleiner als 6 ist, dürfen ausnahmsweise Klassen mit 5, für Verhaltensauffällige Klassen mit drei Kindern gebildet werden.

Abs. 2: Für die Körperbehinderten ohne geistige Behinderung darf die Zahl der Schüler bis auf 15 erhöht werden.

Abs.3: Wenn die Zahl der Schüler mehrere Klassenebenen 8 in einer Sonderklasse übersteigt, darf ein Lehrer mehr eingestellt werden.

Abs. 4: Wenn die Zahl der Behinderten Schüler in der Grundschulen weniger als sechs beträgt, so stehen für Gehörlose ein Lehrer als Vermittler für alle Fächer in der Schule zur Verfügung und für Blinde ein Lehrer pro Fach, der für verschiedene Schulen zuständig ist.

Typen der Sonderschuleinrichtungen im Iran am Beispiel für Blinde und Sehbehinderte

Im folgenden wird exemplarisch am Beispiel für die Sonderschulerziehung im Iran, die schulische Betreuung Blinder und Sehbehinderter beschreiben.

Im Jahre 1969 hatte die UNESCO in einer ersten Statistik von über 150000 Sehgeschädigte im Iran gesprochen (UNESCO 1974, S.61). Mohammed Reza Namenie geht in seinem Buch (1984) von 175000 Blinden im Iran aus. Das entspricht ca. 0,5% der Bevölkerung. Im Jahr 1989 war die Zahl der Blinden wegen der Unruhen im Iran und des iranisch-irakischen Krieges weit höher anzusetzen. Die nationale Blindenwohlfahrtsorganisation konnte ca. 5000 Blinden Unterstützung gewähren, das MSP konnte jedoch nur 2500 Sehgeschädigten schulische Erziehung zukommen lassen.


Ein kurzer historischer Abriss der Blinden- und Sehbehindertenerziehung

Quellen über die Blindenpädagogik in der altiranischen Zeit liegen nicht vor, denn die Araber haben bei der Islamisierung des Irans die persischen Bibliotheken zerstört. Die gesamte altiranische Kultur und somit auch die Erziehung waren jedoch vom Grundgedanken der zarathustrischen Lehre geprägt. Ein Grundgedanke dieser Lehre lautet:" Sieh zu, dass dein Weib und deine Kinder, Knaben und Mädchen, Kenntnisse uns Tugend erlangen. Lernen ist Erleuchtung." Die Frage aber, ob hinsichtlich der Erziehung und Bildung anderer Behinderter als der Blinden etwas unternommen wurde, bleibt offen. Die Islamisierung des Iran brachte für die Situation der Erziehung eine Wende. Es wurden überall Koranschulen (Maktab) gegründet. Zwei Arten von Erziehung, wie am Anfang auch schon oben erwähnt, wurden eingeführt: Elementarerziehung (Maktab) und höhere Bildung (Madrase). Die Moschee diente von Anfang an bis in die Gegenwart als Stätte der religiösen Erziehung, im Maktab und in der Madrase. Die Unterrichtsmethode war in beiden Schulstufen in erster Linie das Auswendiglernen durch Nachsprechen. Inhalte des Unterrichts bildeten Verse des Koran in arabischer Sprache, persischer Literatur, Philosophie, Logik u.a.. Diese Unterrichtsmethode stellt kein Problem für Blinde Schüler dar. Die Blinden haben die gleichen Chancen wie die Sehenden, auf die Koranschulen zu gehen oder gar Theologie zu studieren. Es gab in den Jahrhunderten nach der Islamisierung einige berühmte blinde Dichter und Gelehrte wie z.B. Abdollah Dschafar ben Mohammed Rudaki (858-940) oder Hajdi Mohammed Taghi Schuride (gest. 1926).


Ursprung und Entwicklung des Blindenbildungswesens

Die spezielle Blindenbildung begann, wie am Anfang schon erwähnt, mit der Christoffel-Mission im Jahre 1925 in Täbris und 1928 in Isfahan. Die Missionare entwickelten eine Braille-Schrift in armenischer und persischer Sprache, von der sie meinten, sie sei weit möglichst an die von europäischen Anstalten eingeführte angelehnt. "Wollten wir mit dem Blindenunterricht beginnen, dann mussten wir das Braille-Alphabet in die in Betracht kommenden Sprachen übertragen und zwar in Armenisch und persisch, da im Schulunterricht die persische Sprache gefordert wurde." (Christoffel, 1973, S.89)

Die Zweite Schule (Mädchenschule), welche inzwischen den Namen "Nur-ain" erhalten hatte, wurde von der englischen Mission im Jahre 1941 gegründet. Die beiden Schulen vereinigten sich im Jahre 1960, um in Kooperation weiterzuarbeiten. Im gleichen Jahr wurde außerhalb von Isfahan eine dritte Blindenschule unter der Leitung der holländischen Mission gegründet. Das Anliegen der Holländer war es, weniger begabte Kinder aufzunehmen und sie in landwirtschaftliche Tätigkeiten einzuführen. Im Jahre 1949 wurde dann die erste staatliche Blindenschule auf Empfehlung der UNESCO in Teheran gegründet. Die Schule mit dem Namen Rudaki war eine Gewerbeschule mit Internat. Die Schüler waren im Alter von 12 bis 30 Jahren und erhielten außer dem Grundschulunterricht eine Ausbildung in gewerblichen Tätigkeiten sowie in Musik, Mattenflechten und Kelimflechten. Die Mitarbeiter dieser Schule hatten die Aufgabe, körperliche Mängel bei den Schülern herauszufinden, um ihnen eine entsprechende Therapie zukommen zu lassen und zu versuchen, sie zu einer ihren Fähigkeiten entsprechenden Tätigkeit anzuleiten. Das Ziel war die Eingliederung in das Berufsleben. Ab 1960 entwickelte die Schule unter dem Namen "Reza Pahlewi" rasch zur größten Blindenschule die es bisher in Persien gab; 250 Schüler wurden aufgenommen. Anfang der 1960er Jahre wurden auch in anderen Städten Blindenschulen gegründet wie z. B. in Ahwaz (anfangs durch eine amerikanische Mission, später vom Staat übernommen). Im Jahre 1965 wurde eine vierte Blindenschule mit dem Namen Abba Bassir von Geistlichen (Mullahs) gegründet. Sie wurde von Geschäftsleuten, Industriellen, etc. finanziert, um die Blinden aus dem Einflussbereich der Christen zu führen.


Stand der Entwicklung 1989

Mit der Begründung des MSP 1969 entwickelte sich das Blindenbildungswesen mit staatlicher Unterstützung im ganzen Land. Mohammedreza Nameni, Direktor der Khazaelischule, listet die Anzahl der blinden Schüler, Studenten, Abiturienten Diplomierten und Promovierten im Jahr 1989 im Iran auf.

Schahid Mohebi Blindenschule Teheran 170 Schüler
Khazaeli BlindenschuleTeheran75 Schüler
Pasdaran BlindenschuleTeheran150 Schüler
Scheich Mohammed BlindenschuleSchahere25 Schüler
Ababasir BlindenschuleIsfahan100 Schüler
Schuride Schurasi BlindenschuleSchiraz60 Schüler
Enghlab BlindenschuleIsfahan50 Schüler
Nuaraein BlindenschuleIsfahan30 Schüler
Sanandaj BlindenschuleKurdistan30 Schüler
Rudaki blindenschuleAhwaz25 Schüler
Mashad BlindenschuleKhorazan25 Schüler
Bakhtaran BlindenschuleBakhtaran15 Schüler
Sonderschule TäbrisTäbris20 Schüler
Sonderklassen (Grund und Förderschule350 Schüler
Die vollintegrierte Schule (Grund-, Förder-,Sekundarschule)250 Schüler
Abiturienten300
Studenten im Kurzstudium10
Studenten50
Studienabsolvierte120
Diplomierte5
Promovierte2
Studenten im Ausland38
Schulabbrecher600
Summe2500 Schüler

Quelle: Nameni, M 1984 S. 137


Die Erwachsenenbildung

Das Zentrum für erwachsene Blinde wurde Anfang der 1960er Jahre von Dr. Khazaeli (1913-1974), der selbst blind war, gegründet. Das Zentrum, das nach ihm benannt wurde, war ein Ausbildungszentrum, das mit modernster Technik ausgestattet war. Es wurde dort halbtags unterrichtet. So konnten blinde Männer und Frauen, die ihren Lebensunterhalt verdienen mussten, vormittags oder nachmittags dort zur Schule gehen. Dies trug zur Stärkung des Selbstbewusstseins bei und verbesserte ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Khazaeli gründete später weitere Schulen dieser Art in Mashad, Rascht, Kermanschah, Kerman und Arak.

Das Blindenschulsystem

Die Vorschulerziehung

Die Erziehung der Blinden beginnt mit der Vorschulerziehung. So betont Absatz 1, aus §1 der Richtlinien des MSP: "Die Sonderschule für Blinde, Taubstumme und Körperbehinderte ohne geistige Behinderung kann Vorschulerziehungskurse einrichten." Deshalb verfügen die meisten staatlichen wie auch privaten Blindenschulen über Vorschulklassen. Das Vorschulalter für Blinde ist auf 5-8 Jahre festgelegt. Die Lehr- und Stundenpläne des MSP schlagen folgende allgemeine Unterrichtsinhalte für diese Alterstufe vor:

Spieltherapie, Unterricht für Gesundheit, Taktiles und Kinästetisches Training, Konzentrationsübungen und Lernen, intensiv zuhören, Geschichten Hören und Nacherzählen, Mobilitätstraining, lebenspraktischer Unterricht, Hygiene, Korrektur von Verhaltensauffälligkeiten, körperlicher Erziehung, Drama und Musik, Erlernen einfacher Tätigkeiten (Ahy, 1977, S. 130).


Die Primärschule

Die Schüler der Primärschule sind 8-16 Jahre alt. Für diese Alterstufe werden außer Unterrichtinhalten und -programmen für den normalen Schulunterricht folgende Unterrichtsinhalte vorgeschlagen:

Tanzen, Spiele, Drama, Musik, Braille-Schrift, Schreibmaschinenschreiben, Körperliche Entwicklung, Fremdsprachen und Kurzschrift.

Im weiteren sollen sehgeschädigte Schüler ab 14 Jahre auch traditionelle Handwerke wie Bürstenmachen, Körbeflechten oder Arbeiten mit Bambus, Kochen und- besonders für Mädchen- Haushaltsführung lernen. Die wesentliche Bedeutung des Blindenunterrichts liegt im Training von Aktivität, Beweglichkeit, Genauigkeit, Pünktlichkeit und Ordnung.


Die Sekundarschule

Bei der Gründung des MSP wurde vom Kultusministerium empfohlen, dass blinde Kinder nach dem Grundschulabschluss (= Primarschule) eine normale schule besuchen. Aus diesem Grund entsprachen die Unterrichtsinhalte und Programme den Unterrichtsinhalten für sehende Kinder. Anfang der 1970er wurde mit der Einführung eines neuen Schulsystems die Förderstufe in einigen Blindenschulen eingeführt. Seitdem besteht keine Pflicht zum verlassen der Blindenschule nach dem Grundschulabschluss. Es besteht die Möglichkeit, je nach Wunsch der Schüler oder der Eltern, bis zum Abitur die Blindenschule zu besuchen. Jedoch führen nur die Blindenschulen "Schahid Mohebi" in Teheran und "Schuride" in Schiraz zum Abitur.


Die Universität

Blinde haben nach dem Abitur- wie sehende- die Möglichkeit, an der Universität zu studieren. Sie studieren meist Geisteswissenschaften oder Theologie. Die Berufsausbildung

Die Berufsausbildung für Blinde entwickelt sich- je nach Fähigkeit des Blinden und Ausbildungsmöglichkeit- auf drei Ebenen. Auf der untersten Ebene wird eine Ausbildung in Mattenflechten. Textilarbeit (für Mädchen), Bürstenmachen, Körbeflechten, Herstellung von Lampenschirmen und Metallarbeit angeboten. Auf der mittleren Ebene haben die Blinden die Möglichkeit einer Ausbildung als Telefonist, Buchbinder, Masseur oder Klavierstimmer. Zur höheren Ausbildung zählen Angebote der Fachhochschule und Universitäten, besonders in Studienfächern wie Literatur, Jura, Theologie, Pädagogik, Geschichte etc.

Durch diese drei Ebenen werden folgende Aspekte berücksichtigt:

  1. Die Wünsche des Blinden und seiner Eltern
  2. Die Fähigkeiten des Blinden
  3. Die Nachfrage der Industrie und des Handels

Letzteres gilt vor allem für die Ausbildung der beiden ersteren Ebenen.


Blindenverbände und Hilfsorganisationen für Blinde

Iran ist eines von 130 Ländern, die Mitglieder der Weltwohlfahrtsorganisation sind. Die wichtigsten übergeordneten Institutionen für das Bildungs- und Betreuungswesen der Blinden sind folgende:

  • Das Ministerium für Sonderpädagogik (MSP), das 1969 gegründet wurde.
  • Die 1971 gegründete Nationale Blindenwohlfahrtsorganisation, die sich folgende Ziele gesetzt hat.
    • Unterstützung der psychischen und sozialen Interessen von Blinden.
    • Erziehung von Analphabeten.
    • Die soziale und berufliche Rehabilitation.
    • Information und Orientierung.

Zusammenfassung

Die Einstellung der iranischen Gesellschaft zur Behinderung entsprach in der Realität nicht immer dem Islam, in dem die Brüderlichkeit und Gleichheit der Menschen, die Fürsorge für die Schwachen und behinderten Mitglieder der Gesellschaft betont wird. Genaue Statistiken über Anzahl und Versorgung der Behinderten gibt es im heutigen Iran nicht. Die WHO schätzte die Zahl der behinderten im Iran 1982 auf ca. 3 Millionen, man muss jedoch davon ausgehen, dass sich diese Zahl aufgrund des Krieges und seiner Folgen beträchtlich erhöht hat. Es liegt auf der Hand, dass die Betreuung und Förderung dieser Behinderten hohe Anforderungen an eine Regierung stellt, die durch Instabilität geprägt ist und mit schweren wirtschaftlichen und sozialen Problemen zu kämpfen hat. So beträgt die Anzahl der beschulten Behinderten im Iran heute weniger als 1% aller Behinderten. Obwohl die Behindertenpädagogik im Iran insgesamt noch eher jung ist, waren in den 1960er und 1970er Jahren viele Fortschritte in diesem Bereich zu verzeichnen. Durch die islamische Regierung und den Krieg kam es allgemein zur Stagnation dieser Entwicklung der Pädagogik und damit auch der Behindertenpädagogik.

Die im Iran geltenden sonderpädagogischen Theorien und Richtlinien wurden teilweise von den USA übernommen. Wie in Amerika werden im Iran behinderte Kinder in regulären Schulklassen, in Sonderklassen sowie in Sonderschulen gefördert. Im Unterschied zur Beschulung von Behinderten in den USA, die nach staatlicher Gesetzgebung hauptsächlich integrativ erfolgen soll und Beschulung in Sonderklassen oder Sonderschulen nur für Schwerbehinderte oder besondere Art von Behinderung vorsieht6, ist die häufigste Form der Beschulung Behinderter im Iran die Sonderschule.

Der Unterricht für behinderte Kinder in regulären Klassen und Sonderklassen im Iran ist in erster Linie als eine aus ökonomischen und geographischen Bedingungen notwendige Alternative zur Sonderschule zu betrachten. Artikel 11 des Schulplichtgesetzes (05.08.1964) legte die Gründung von Sonderschulen für behinderte Kinder fest. Im Artikel 1, Absatz 7 lesen wir zur Organisation und Klassifikation der Sonderschule von MSP von einer teilintegrierten Sonderschule, die eingerichtet werden soll, wenn die Gründung einer Sonderschule nicht möglich ist.

Eine interessante Besonderheit im iranischen Sonderschulwesen besteht darin, dass die hochbegabten Kinder (d.h. die Kinder mit einem IQ von über 130) als Sonderschüler gelten und eine Sonderschule für Hochbegabte besuchen.


Bedeutende Vertreter der Fürsorge

  • Christoffel, Ernst:
    Missionar und Vetreter der Blindenfürsorge
  • Behrus, Sabith:
    Iranischer Wissenschaftler, der über die Erziehung der Taubstummen und Gehörlosen forschte
  • Baghcheban, Idabar:
    Gründer der ersten Schule für Gehörlose und Taubstumme

Literatur

  • Akhlghi-Kohpai, Hossein: Sonderschulische Förderung im Iran. Eine kritische Analyse und der Versuch eines Entwicklungskonzeptes. Marburg/Lahn 1989
  • Rahimzadeh-Oskui, Rahim: Das Wirtschafts- und Erziehungssystem in der Geschichte Irans: Heterozentrismus - Autozentrismus. Frankfurt/ M., 1981
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