Frühe Neuzeit

Aus Geschichte der Behinderung

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Inhaltsverzeichnis

Überblick: Relevante Prozesse, Strukturen, Daten

Allgemeiner Überblick

  • In der Zeit nach dem Mittelalter begannen erste Gründungen von Anstalten, hauptsächlich für Taubstumme (Gehörlose) und Blinde
  • Geistig behinderte Menschen waren eher von Fürsorge und Bildung ausgeschlossen
  • Einzelne, nicht zentral organisierte Anstalten für Menschen mit Körperbehinderungen wurden gegründet

Schule und Anstalt

  • "Taubstumme" und Schwerhörige
    • Anfänge der Taubstummenerziehung Mitte des 16. Jahrhunderts durch Pedro Ponce de Leon (†1584)
    • Unterricht stellte Finanz- und Existenzgrundlage der Lehrer dar
    • Unterrichtsmethoden wurden weit gehend geheim gehalten und ggf. in der Familie weitervererbt
    • 1770 Gründung der ersten Schule durch Abbé de l´Epée in Paris
    • 1778 1. deutsche Schule in Leipzig - Gründer Samuel Heinicke
    • Anfangsphase wurde in der Hauptsache durch private Anstalten getragen
    • immer stärkeres Auftreten von Einrichtungen führte zur Übernahme der Aufsicht durch den Staat
    • gleichzeitig kristallisierten sich 2 Grundmethoden heraus
      • "französische Methode" - Vertreter l‘Epée beinhaltet Gebärdensprache fortgeführt durch Sicard
      • "deutsche Methode" - Grundkonzept von Amman weiterentwickelt von Hill und Vatter beinhaltet Lautsprachmethode
    • 1. preußische Anstalt wurde 1778 gegründet und 1798 verstaatlicht
  • Hilfsschule/ Einrichtungen für Verhaltensauffällige
    • 1533 Peter Jordan aus Mainz schreibt das Buch "Leyenschul. Wie man künstlich und behend schreyben und lesen soll lernen"
    • Dreißigjähriger Krieg: neue Waisenhausgründungen in großer Zahl
    • Johann Ignaz von Felbiger (1724-1788) bezieht auch die sog. stumpfen Köpfe mit in den Unterricht ein.
    • 1784: Pastor Wagemann gründet in Göttingen erste Industrieschule
    • Pestalozzi (1746-1827): Förderung schwieriger Kinder durch eine Art Familienerziehung in Anstalt und durch psychologisch begründeten Unterricht
    • Jean Itard (1774-1838) beschäftigt sich mit der Erziehung des Wildjungen von Aveyron.
  • Blinde
    • 1784 Gründung der ersten Blindenschule - Das Institut National des jeunes Aveugles in Paris durch Valentin Hauy. Als Konsequenz Gründung weiterer Schulen: z.B. 1790 in Liverpool, England
  • Sprachheilkunde
    • 1584 schreibt der Arzt Hironimus Merkurialis die erste wissenschaftliche Abhandlung über Sprachheilkunde


Medien und Texte

Die Frühphase der Taubstummenbildung in Preußen

  • Die spanische Methode
    • nach Pedro Ponce de León (1510-1584)
    • Ausgangspunkt: Schriftsprache und Fingeralphabet
  • Die französische Methode
    • Abbe de l‘Epée (1712-1789)
    • Ausgangspunkt: Zeichensprache, Schriftsprache (Fingeralphabet) [ Weitere Informationen ]
  • Die deutsche Methode
  • Entwicklungsprozesse in der Frühphase der Sonderpädagogik in Preußen:
    erheblich mehr taubstumme Kinder, die unterrichtet wurden, folglich auch mehr Lehrerpotential erstrebte; weithin realisierte Angliederung der Taubstummenlehrerausbildung an die Volksschullehrerausbildung; teilweise integrierte Taubstumme in der Volksschule Einrichtung von Externate zunehmende Lenkung des Taubstummenunterrichts durch das Kultusministerium die allmähliche Durchsetzung der "deutschen Methode".


Anfänge der Blindenbildung

Voraussetzungen für die Entstehung der Blindenbildung bis ins 18. Jahrhundert

Ernsthafte Bemühungen um eine systematischen Blindenerziehung und Bildung gibt es erst seit einer vergleichsweise kurzen Zeit. So sind keinerlei Versuche einer solchen Blindenerziehung aus der Antike oder aus dem Mittelalter überliefert. Zwar gibt es aus jeder Epoche Zeugnisse von einzelnen, gebildeten Blinden, die für ihre Fähigkeiten bewundert wurden, die Stellung der Gesellschaft zur Masse der blinden Menschen war dagegen uneinheitlich. Die Einstellung der Gesellschaft schwankte zwischen Tötung und Verstoß der Blinden, bis hin zu ihrer Verehrung in einigen Gesellschaftsformen. Im Mittelalter rückte dann der karitative Gesichtspunkt in den Vordergrund und führte schließlich zur Gründung von Blindenbruderschaften als Selbsthilfeeinrichtungen. Im allgemeinen galten Blinde bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert als bildungsunfähig. Die Ideen der Aufklärung, sowie das Engagement einzelner verhalfen Mitte des 18. Jahrhunderts dieses Vorurteil zu zerstören. Eine breitere Gesellschaftsschicht begann für möglich zu halten, daß es Blinden bei entsprechender Ausbildung möglich sein würde, sich einem normalen Leben anzupassen. Mit dieser Erkenntnis der Bildungsfähigkeit Blinder war der Weg bereitet für den Beginn der Integration Blinder in die Gesellschaft. 1749 erweckte der Französische Enzyklopädist Denis Diderot Aufmerksamkeit und Interesse mit einer Abhandlung über die Blinden (Lettre sur les aveugles). Etwa zeitgleich feierte die blinde Wiener Pianistin Maria Theresia von Paradis große Erfolge und bewies damit, was blinde Menschen zu leisten vermochten. In extremem Gegensatz dazu stand die äußerst brutale Behandlung blinder Bettler in den Straßen von Paris.

Erste Schulgründungen Dies alles, insbesondere aber die Tatsache, dass er Zeuge eines erniedrigenden Schauspiels wurde, wie Blinde des "Quinze-Vingts-Heims" auf St. Ovids Jahrmarkt mit lächerlichen Brillengestellen bekleidet, zur Erheiterung der Besucher auf Musikinstrumenten spielen mussten, motivierte Valentin Hauy, einen Angestellten des Französischen Government, damit zu beginnen, einen blinden jungen Mann zu unterrichten. Sein Erfolg bestätigte seine Bemühungen und führte schließlich dazu, daß er 1784 die erste Anstalt zur Erziehung blinder Kinder in Paris gründete - Das Institut National des Jeunes Aveugles. Hauys Lernziele bestanden vor allem darin, den Kindern das Lesen durch Ertasten beizubringen, Dazu verwendete er, in dickes Papier eingestanzte, lateinische Buchstaben, deren Form sich auf der Rückseite des Papiers ertasten ließ, sogenannte "Antiqua Reliefschrift". Darüber schrieb er unter anderem 1786 in einer an den französischen König gerichteten Abhandlung über die Erziehung der Blinden. Daneben führte er ebenfalls Musikunterricht und den Unterricht verschiedener Handwerke in seiner Schule ein. Sein Beispiel führte dazu, dass innerhalb kürzester Zeit weitere Schulen, auch in anderen europäischen Ländern gegründet wurden. Konsequenz dieser Verbreitung von Blindenschulen in Europa war die Errichtung von ähnlichen Institutionen in den USA.


Gedicht: Das Land der Hinkenden

Zum Gedicht aus dem Jahr 1780.

Literatur

  • Ellger-Rüttgardt, Sieglind: Prügelknabe Sonderschule - ungeliebte Tochter der Heilpädagogik? In: Zeitschrift für Heilpädagogik 2/2005, 42-54
  • Meyer, H.: Geistigbehindertenpädagogik. In: S. Solarová: Geschichte der Sonderpädagogik. Stuttgart; Berlin; Köln; Mainz: Kohlhammer 1983. S. 84-107
  • Möckel, Andreas: Geschichte der Heilpädagogik. Stuttgart 1988
  • Möckel, Andreas: Geschichte der besonderen Grund- und Hauptschule. 4. Aufl., Heidelberg 2001
  • Müller, Klaus E.: Der Krüppel. Ethnologia passionis humanae. C.H. Beck, München 1996
  • Speck, O.: Geschichte. In: Handbuch der Sonderpädagogik, Bd.4. Pädagogik der Geistigbehinderten. Hrsg.: H. Bach. Berlin: Marhold 1979. S. 57-72
  • Schröder, Siegfried: Historische Skizzen zur Betreuung schwerst- und mehrfachgeschädigter geistigbehinderter Menschen. In: Hartmann, N, (Hrsg.): Beiträge zur Pädagogik der Schwerstbehinderten. Heidelberg 1983. (S. 17-61)
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