Blindheit und Sehbehinderung

Aus Geschichte der Behinderung

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Inhaltsverzeichnis

Überblick: Relevante Prozesse, Strukturen, Daten

Autor: Peter Spiess

Die Entstehung der ersten Schulen für Blinde

1784 Gründung der ersten Blindenschule - Das Institut National des jeunes Aveugles in Paris durch Valentin Hauy. Als Konsequenz Gründung weiterer Schulen: 1790 in Liverpool, England. 1804 in Wien, Österreich durch J.E Klein. 1806 erste Deutsche Schule in Berlin gegründet durch A. Zeune. 1819 Breslau durch j. Knie. Weitere Schulgründungen in Nordamerika.

Zunächst weitestgehend mündlicher Unterricht, bedingt durch das Fehlen von Hilfsmitteln.

Entwicklung einer systematischen Blindenschrift durch Louis Braille, die 1850 durch die päd. Akademie Frankreichs anerkannt wird.

Weitere Entfaltung von Schulen für Blinde im 19. Jahrhundert

  • Subsumtion der Sehbehinderten unter die völlig Blinden
  • Die Heimsonderschule für Blinde blieb in allen Ländern das nahezu unangefochtene Schulmodell
  • Zentralisierung des Blindenbildungswesens, Spezialisierung von Blindenschulen nach Aufgabenber
  • Einrichtung v. Blindenlehrerkongressen, Entstehung v. Lehr- und Lernmittelzentren
  • 1879: 3. Blindenlehrerkongress in Berlin, Ablehnung von höheren Bildungsanstalten für Blinde
  • 1886 Unterrichtung Taubblinder in Nowawes
  • 1888 Förderung "schwachbefähigter Blinder" in Königswartha in Sachsen
  • 1889 Förderung schwer mehrfach behinderter Blinder in Pfaffenhausen

20. Jahrhundert

  • 1916 wird in der Blindenstudienanstalt Marburg in Deutschland erstmals gymnasiale Bildung für Blinde ermöglicht
  • 1938 Reichsschulpflichtgesetz reglementiert Schulpflicht für Blinde
  • 1907 Auf dem 12. Blindenlehrerkongreß in Hamburg, erklärte Levinsohn, der Berliner Ordinarius der Augenheilkunde, die sog. Usus-abusus Hypothese bezüglicher defekter Augen als falsch. Er forderte stattdessen ein Training zur Ausnutzung des Restsehvermögens Sehbehinderter
  • 1933 fand der erste Kongreß der Sehschwachenschulen in Chemnitz statt
  • 1939-1945 Die Entwicklung der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik stagniert
  • 1945 wird in Westberlin und Hamburg die Bildungsarbeit wieder aufgenommen, in Dortmund 1953.

Rahmenbedingungen

Autor: Peter Spiess

Definitionen

Sehschädigung nach heutigem Maßstab Es ist heute allgemein anerkannt, dass eine Vielzahl von unterschiedlichen Stufen der Sehschädigung besteht, die nicht einfach unter den Begriff Blindheit subsumiert werden dürfen, wie dies in der Vergangenheit oft geschehen ist. Eine nähere Klassifizierung ist insbesondere auch wichtig, im Hinblick auf eine gezielte Beschulung der sehgeschädigten Kinder. Bemühungen, Sehschädigung pädagogisch zu definieren, orientieren sich meist an ophthalmologischen Funktionsmeßwerten.

Sehbehinderung Gemäß des Beschlusses der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates von 1973 gilt als sehbehindert, und damit gesondert zu beschulen, wer trotz Korrektur normale Sehfunktionswerte nicht erreicht. Man unterscheidet zwischen Sehbehinderten, deren Sehschärfe für die Ferne und/ oder für die Nähe auf 1/3 bis 1/20 herabgesetzt ist oder die einen Gesichtsfeldausfall von entsprechendem Schweregrad aufweisen, und hochgradig Sehbehinderten mit einer Herabsetzung auf 1/20 bis 1/50 der Norm. Sehbehinderung kann auch durch nicht exakt meßbare Beeinträchtigung, wie hohe Blendungsempfindlichkeit oder asthenopische Beschwerden, definiert sein. Die Angabe der Sehschärfe erfolgt in Form eines einfachen Bruches, eines Dezimalbruches oder einer prozentualen Angabe. So bedeutet 1/20 etwa, dass auf 1 Meter erkannt wird, was eigentlich in einer Entfernung von 20 Meter erkannt werden müsste. Zu beachten ist weiterhin, dass der Begriff der "Sehbehinderung" im deutschsprachigen Raum unterschiedlich verwendet wird.

So wird in der Bundesrepublik von "sehbehindert" (ehemalige DDR - "sehschwach") gesprochen, während in Österreich der Ausdruck "sehgestört" und in der Schweiz der Terminus "sehgeschädigt" verwendet wird. Dabei wird der Bereich der Sehschädigungen grob unterteilt in Sehbehinderung und Blindheit.

Blindheit Eine völlige Blindheit im engeren Sinne, die sog. Amaurose, besteht dagegen, wenn Lichteindrücke überhaupt nicht wahrgenommen werden können. Außerdem gelten neben den völlig Blinden als praktisch blind: Personen,

  • deren Sehschärfe auf dem besseren Auge nicht mehr als 1/50 beträgt
  • bei denen nicht nur vorübergehende Störungen des Sehvermögens von einem solchen Schweregrad vorliegen, dass sie der Beeinträchtigung der Sehschärfe nach obigem Punkt gleichzuachten sind


Anfänge der Blindenbildung

Voraussetzungen für die Entstehung der Blindenbildung bis ins 18. Jahrhundert

Ernsthafte Bemühungen um eine systematischen Blindenerziehung und Bildung gibt es erst seit einer vergleichsweise kurzen Zeit. So sind keinerlei Versuche einer solchen Blindenerziehung aus der Antike oder aus dem Mittelalter überliefert. Zwar gibt es aus jeder Epoche Zeugnisse von einzelnen, gebildeten Blinden, die für ihre Fähigkeiten bewundert wurden, die Stellung der Gesellschaft zur Masse der blinden Menschen war dagegen uneinheitlich. Die Einstellung der Gesellschaft schwankte zwischen Tötung und Verstoß der Blinden, bis hin zu ihrer Verehrung in einigen Gesellschaftsformen. Im Mittelalter rückte dann der karitative Gesichtspunkt in den Vordergrund und führte schließlich zur Gründung von Blindenbruderschaften als Selbsthilfeeinrichtungen. Im allgemeinen galten Blinde bis zum ausgehenden 18. jahrhundert als bildungsunfähig. Die Ideen der Aufklärung, sowie das Engagement einzelner verhalfen Mitte des 18. Jahrhunderts dieses Vorurteil zu zerstören. Eine breitere Gesellschaftsschicht begann für möglich zu halten, dass es Blinden bei entsprechender Ausbildung möglich sein würde, sich einem normalen Leben anzupassen. Mit dieser Erkenntnis der Bildungsfähigkeit Blinder war der Weg bereitet für den Beginn der Integration Blinder in die Gesellschaft. 1749 erweckte der Französische Enzyklopädist Denis Diderot Aufmerksamkeit und Interesse mit einer Abhandlung über die Blinden (Lettre sur les aveugles). Etwa zeitgleich feierte die blinde Wiener Pianistin Maria Theresia von Paradis große Erfolge und bewies damit, was blinde Menschen zu leisten vermochten. In extremem Gegensatz dazu stand die äußerst brutale Behandlung blinder Bettler in den Straßen von Paris.

Erste Schulgründungen Dies alles, insbesondere aber die Tatsache, dass er Zeuge eines erniedrigenden Schauspiels wurde, wie Blinde des "Quinze-Vingts-Heims" auf St.Ovids Jahrmarkt mit lächerlichen Brillengestellen bekleidet, zur Erheiterung der Besucher auf Musikinstrumenten spielen mußten, motivierte Valentin Hauy, einen Angestellten des Französischen Government, damit zu beginnen, einen blinden jungen Mann zu unterrichten. Sein Erfolg bestätigte seine Bemühungen und führte schließlich dazu, dass er 1784 die erste Anstalt zur Erziehung blinder Kinder in Paris gründete - Das Institut National des Jeunes Aveugles. Hauys Lernziele bestanden vor allem darin, den Kindern das Lesen durch Ertasten beizubringen, Dazu verwendete er, in dickes Papier eingestanzte, lateinische Buchstaben, deren Form sich auf der Rückseite des Papiers ertasten ließ, sogenannte "Antiqua Reliefschrift". Darüber schrieb er unter anderem 1786 in einer an den französischen König gerichteten Abhandlung über die Erziehung der Blinden. Daneben führte er ebenfalls Musikunterricht und den Unterricht verschiedener Handwerke in seiner Schule ein. Sein Beispiel führte dazu, dass innerhalb kürzester Zeit weitere Schulen, auch in anderen europäischen Ländern gegründet wurden. Konsequenz dieser Verbreitung von Blindenschulen in Europa war die Errichtung von ähnlichen Institutionen in den USA.


Didaktik und Methodik

Autor: Peter Spiess

Die Entstehung und Entwicklung der Blindenschrift: Louis Braille

Im Juni des Jahres 1804 In der französischen Stadt Coupvray, nahe Paris, als 4. Kind des Schusters Simon Rene Braille geboren, verletzte sich Louis Braille im Alter von drei Jahren mit einer Ahle seines Vaters an einem Auge. Das Auge infizierte sich und die Infektion ergriff auch das andere Auge. Der Vater schickte seinen Sohn 1819 an das 1784 gegründete Pariser Blindeninstitut. Obwohl es hier bereits einige Bücher in erhabener Schrift gab, wurde der größte Teil des Unterrichts mündlich gehalten. Louis war sehr gut in der Schule und entwickelte ein Talent für die Musik. In jener Zeit entwickelte der französiche Hauptmann Barbier ein System für militärische Zwecke, welches die schrifltliche Kommunikation in der Nacht ermöglichen sollte. Es bestand aus 11 abtastbaren Punkten in festgelegter Ordnung. Es war jedoch kompliziert und benötigte sehr viel Platz. Louis Braille erkannte den möglichen Nutzen auch für Blinde und erfand im Alter von 16 Jahren auf dieser Grundlage ein 6-Punkt System. Zunächst stieß er damit auf Ablehnung. Er ließ sich jedoch nicht beirren und entwickelte sein System weiter, um Grundlagen für eine Notenschrift zu legen. Braille arbeitete als Lehrer am Pariser Blindeninstitut und kämpfte dort für die Anerkennung seiner Schrift. Erst im Jahre 1850 wurde sie von der Pädagogischen Akademie Frankreichs anerkannt und 1879 schließlich wurde sie von den deutschen Blindenschulen übernommen. Bereits im Alter von 20 Jahren zog sich Louis eine Lungenerkrankung zu, die sich immer mehr verschlimmerte und an deren Folgen er 1852 verstarb.

Von Braille abweichende Versuche der Entwicklung einer systematischen Blindenschrift

Gall: James Gall erfand 1831 auf Basis des lateinischen Alphabets eine erhabene Schrift, bei welcher er die Striche der Buchstaben winklig aneinanderfügte. Er hoffte durch Vermeiden runder Formen das Ertasten der Buchstaben für die Blinden zu vereinfachen. "The Gospel of St. John" wurde 1834 als erstes größeres Werk in Galls Blindenschrift gedruckt. Galls System wurde insbesondere genutzt im "Blind Asylum in Endinburgh, Glasgow and London". Alston: Alston war Schatzmeister des "Endinburgh Asylum". Er produzierte mehrere Blindenbücher unter Verwendung dieser Schrift. Lucas: Die Lucas Blindenschrift wurde 1838 erfunden. Das Schriftsystem bestand aus einer Art stenographischer Kurzschrift. Die Buchstaben erinnerten kaum an das lateinische Alphabet, sondern bestanden aus Linien mit oder ohne Punkt an einem Ende. Das Schriftsystem von Lucas fand kaum Verbreitung. Moonschrift: Das System der Moon Blindenschrift wurde 1845 von Dr. William Moon erfunden. Die Schrift bestand aus phonetischen Zeichen in Form geometrischer Symbole. Diese Blindenschrift fand recht große Verbreitung und wurde auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch genutzt.


Die weitere Entwicklung des Blindenschulwesens

Nach Gründung der benannten ersten Blindenschulen Ende des 18. und Anfang des 19. Jhd. verlief die weitere Entwicklung des Blindenbildungswesens im 19. Jhd. keineswegs linear und in den unterschiedlichen Regionen uneinheitlich. Unterschiedliche ökonomische, kulturelle, wissenschaftliche und politische Einflüsse schlugen sich auch in der weiteren Entwicklung der Blindenbildung nieder. Verallgemeinernd lässt sich sagen, dass sich die Anstaltserziehung des 19. Jahrhunderts vorwiegend am Gedanken der Berufsausbildung und lebenslänglichen Versorgung orientierte. Ebenso gab es bei der Blindenbildung in unterschiedlichsten Regionen große Übereinstimmungen bezüglich der Wahl der Schulform. Die Heimsonderschule für Blinde blieb in allen Ländern das nahezu unangefochtene Schulmodell, ehe Mitte des 20. Jahrhunderts lntegrationsbemühungen der Blinden auf breiterer Basis stattfanden. Es bleibt allerdings festzuhalten, dass die Idee der Integrativen Beschulung blinder Kinder schon zu diesem Zeitpunkt diskutiert wurde. Klein veröffentlichte 1836, 32 Jahre, nachdem er die erste Blindenschule im deutschsprachigen Raum gegründet hatte, die Schrift "Anleitung zur zweckmäßigen Behandlung blinder Kinder von der frühesten Jugend an im Kreise ihrer Familien und in den Schulen ihrer Wohnorte". Er formulierte häufig die Idee, den Blindenunterricht an die Ortsschulen zu verlegen und die Methoden des Blindenunterrichts in die allgemeine Lehrerbildung einzubinden. Ein Modellversuch der gezielten Förderung Blinder und Sehbehinderter in Regelschulen wurde erstmals in Schottland unternommen (1834-1872). Nichtsdestotrotz wurde die separative Lösung auf lange Zeit hin bevorzugt. Bereits im 19. Jhd. wurden zentrale Probleme der Blindenbildung erörtert. So wurde erkannt, dass es nur eine relativ geringe Zahl blinder Kinder und Jugendliche gab, die nicht zuletzt bedingt durch Mehrfachbehinderungen und unterschiedlichen Begabungen‚ sozialem Umfeld etc. eine recht heterogene Schülerschaft bildete und unterschiedliche pädagogische Bedürfnisse befriedigt werden mußten. Als Konsequenz fand eine weitgehende Zentralisierung statt. Es wurden überregionale Blindenschulen mit großem Einzugsbereich, in Form von Internaten, gegründet. Einerseits gab es Schulen, die ein möglichst breitgefächertes Bildungsangebot hatten, und versuchten alles vom Frühbereich bis hin zur Weiterbildung abzudecken, andererseits entstanden Einrichtungen, die spezielle Aufgabenbereiche abdecken sollten. Es entstand so eine Aufgabenteilung zwischen den Blindenschulen, da nicht jede Schule alle Bildungsbedürfnisse effektiv abdecken konnte, und damit erstmals eine Art organisatorische Zusammenarbeit. Die erste Schule, die Blinden eine höhere Schulbildung ermöglichte, entstand 1866 in Worcester, England. Die Schule war sehr exklusiv und entstand aus der Tradition der englischen Oberschicht heraus, ihre Söhne aus lnternatsschulen zu schicken. Auch in Deutschland wurde die Möglichkeit Institute zu schaffen, an denen Blinde eine gymnasiale Bildung erlangen konnten erörtert. Allerdings wurde 1879, auf dem 3. Blindenlehrerkongress in Berlin, die Ansicht akzeptiert, die Ziele des Blindenunterrichts sollten denen einer gehobenen Volksschule entsprechen. Begründet wurde dies damit, "für 99 Prozent der Blinden sei eine solche Schulbildung vollkommen ausreichend. Die restlichen Blinden, die eine höhere Bildung erstrebten, müßten diese suchen, wo andere sie suchen". Damit war in Deutschland der Weg zur Neugründung von Instituten mit höheren Bildungsidealen bis ins 20. Jhd. weitestgehend verbaut.Uneinheitlich gestaltete sich insbesondere die Beschulung mehrfachbehinderter Blinder. Die Amsterdamer Blindenschule etwa, nahm bereits kurz nach ihrer Gründung 1808 auch "schwachsinnige" Kinder auf, während andere Schulen sich auf die Aufnahme "nur blinder Kinder" beschränkten.

Erste Hälfte 20. Jahrhundert

Blindenbildung

Gleich zu Beginn des 20. Jhd. kam es zu einigen Reformpädagogischen Ansätzen in der Blindenbildung. Gefördert wurden diese durch die stärker einsetzende wissenschaftliche Durchdringung des Themas in der Literatur. Die Reformbewegungen innerhalb der Blindenbildung gingen vor allem in die Richtung noch weiter gehender Segregation. Auf dem Blindenlehrerkongress in Breslau 1901 hielt Lötsch einen Vortrag über "Die Erziehung und den Unterricht schwachbeanlagter bzw. schwachsinniger Blinder", in welchem er eine Trennung dieser Kinder im Unterricht von den anderen Blinden forderte. Dagegen wurde vor allem argumentiert, die älteren Schüler der Blindenanstalten hätten einen positiven Einfluss auf "schwachsinnige Blinde". Als weiteren Ansatz gilt der Einheitsschulgedanke, der vorsah, mehrfachbehinderte Blinde wieder in den normalen Blindenunterricht zu integrieren, so etwa die Konzepte von Zech 1913 und Kühn 1924. Weiterhin förderten auch technische Neuentwicklungen die Blindenbildung. Neben den wissenschaftlichen Aktivitäten zeichneten sich zu Beginn des 20. Jhd. auch politische und gesellschaftliche Veränderungen ab, die Einfluss auf die Blindenbildung nahmen. So wurde in Deutschland, durch landesrechtliche Beschlüsse, zwischen 1900 und 1925 vielfach die Schulpflicht für Blinde eingeführt, was den systematischen Ausbau der Blindenanstalten zur Folge hatte und zu einem dichteren Netz von Einrichtungen führte. 1916 wird in der Blindenstudienanstalt Marburg in Deutschland erstmals gymnasiale Bildung für Blinde ermöglicht, aufgrund von Blindenselbsthilfe. Damit ermöglichen sich die Blinden selbst das, was ihnen noch 1879 versagt worden war. Daneben kam es zu verschiedenen Versuchen, Schüler mit unterschiedlichen Behinderungen organisatorisch zusammenzufassen. Insbesondere sollten Gehörlose und Blinde gemeinsam, als Sinnesgeschädigte, unterrichtet werden, was aber bald wieder aufgegeben wurde. Einzig die Kombinierte Schule von Blinden und Sehbehinderten schaffte es, sich als Organisationsform zu etablieren.

1923 erschien der "Leitfaden zum Gebrauch der deutschen Blindenkurzschrift" von der Blindenstudienanstalt in Marburg. Ab 1925 kam es dann zur allmählichen Lösung des Blindenbildungswesens von der Blindenfürsorge und vermehrt zur internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Durch das Reichsschulpflichtgesetz von 1938 wurde dann die Schulpflicht für Blinde einheitlich reglementiert. Darin war festgelegt, dass für Blinde zwar Schulpflicht, aber keine Internatspflicht bestand. Erklären lässt sich das Interesse einer schulischen und damit behördlichen Erfassung blinder Kinder, wenn man bedenkt, dass Blinde vielfach ebenfalls Opfer der Euthanasie im dritten Reich wurden, da sie nicht als erbgesund eingestuft wurden.

Sehbehindertenbildung

Bereits um die Jahrhundertwende begann vielfach eine Diskussion um die bisherige Praxis der Unterrichtung Sehbehindeter im Rahmen der Blindenbildung als Blinde. Allerdings führten sehr unterschiedliche Ansatzpunkte und Zielsetzungen zunächst zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Subsumtion der Sehbehinderten unter die Blinden. Zum Teil wurde vertreten, die Sehbehinderten hätten einen schlechten Einfluss auf die vollkommen blinden Schüler, seien für Disziplinprobleme an Blindenschulen verantwortlich. Von diesem Ansatzpunkt aus wurde zum Teil schon früh im 20. Jhd. die Einrichtung eigener Abteilungen und Einrichtungen für Sehbehinderte gefordert. Die Urheber dieser Überlegungen, Brandstaeter und Moldenhawer, gaben aber auch zu bedenken, dass man Sehbehinderten möglicherweise einen völlig falschen Bildungsgang aufgezwungen habe. Brandstaeter forderte in Konsequenz, folgenden Grundsatz aufzustellen: "Kein Mensch darf der Blindenanstalt als Zögling überwiesen werden, der nicht vollkommen blind ist". Er bezog sich dabei auf die erfolgreiche Einführung von Hör-Klassen in Taubstummenanstalten und Sehübungen Hellers mit einigen, als blind geltenden Kindern. Wissenschaftlich gestützt wurden diese Forderungen auch durch die Entwicklungen genauerer Techniken zur Bestimmung von Sehschärfewerten, die eine Differenzierung möglich machten. 1907, auf dem 12. Blindenlehrerkongreß in Hamburg, erklärte Levinsohn, der Berliner Ordinarius der Augenheilkunde, die sog. Usus-abusus Hypothese bezüglicher defekter Augen als falsch. Er forderte stattdessen ein Training zur Ausnutzung des Restsehvermögens Sehbehinderter. Zu diesen neuen, reformpädagogischen Bemühungen kam 1910 die Entdeckung des sogenannten "Braille-Skandals". In England, Amerika und Österreich wurde die Tatsache entdeckt, dass Sehbehinderte die Blindenschrift visuell lasen, statt sie zu ertasten und über diesen Umstand ihre Lehrer täuschten. Es wurde daher die mangelnde Durchsetzbarkeit des Sehausschaltungsprinzips erkannt und bereits 1910 in der Blindenschule Purkersdorf bei Wien der erste Schreib-Lesekurs für Sehschwache in Schwarzschrift eingeführt. Die Forderung nach einer Verselbständigung des Sehbehindertenwesens wurde somit immer lauter, so dass schließlich die ersten Klassen bzw. Schulen für Sehbehinderte eingerichtet wurden. 1933 fand der erste Kongreß der Sehschwachenschulen in Chemnitz statt. An diesem Kongreß nahmen vier Sehbehindertenschulen (drei aus Berlin und eine aus Dortmund) sowie Beobachter von nur drei von insgesamt sechsunddreißig Blindenschulen teil. Es kam allenfalls zur Einrichtung von Schreib-Lesekursen, die zum Teil aber nur von kurzer Lebensdauer waren. Im übrigen aber stagnierte die Entwicklung und weitere differenzierende Unterrichtung Sehbehinderter im 3. Reich in Deutschland.

Zweite Hälfte 20. Jahrhundert

Während die Entfaltung des Blinden und Sehbehindertenbildungswesens in Nordamerika auch während des zweiten Weltkriegs relativ ungestört und kontinuierlich vorangetrieben werden konnte, wurde nach dem Ende des Weltkriegs insbesondere in Deutschland eine Neuorientierung notwendig. Drei der bestehenden Vier Blindenschulen Deutschlands waren im Krieg zerstört worden, so dass die Sehbehindertenbildung fast völlig neu aufgebaut werden musste.

In Westberlin und Hamburg wurde 1945 die Bildungsarbeit wieder aufgenommen, in Dortmund 1953. Die Blindenschulen, die sich zum Teil in Konkurrenz zum neuerlichen Aufblühen des eigenständigen Sehbehinderungsbildungswesen sahen, entwickelten sich anfangs der 1960er zum Teil weiter zu kombinierten Blinden- und Sehbehindertenschulen, die ihren Unterricht nunmehr blindengemäß und sehbehindertenspezifisch ausrichteten. Insbesondere erfolgte die Ausgliederung der Sehbehinderten aus Blindenklassen und die Errichtung selbständiger Sehbehindertenabteilungen mit Vollzeitunterricht an Blindenschulen. Bemerkenswert ist, dass die gegründeten spezifischen Sehbehindertenschulen im Gegensatz zu den vielzügigen Blindenschulen meist auf Grund- bzw. Hauptschulniveau beschränkt blieben, so dass Sehbehinderte, die gymnasiale Bildung erstrebten, weiterhin auf die Blindenschulen bzw. auf Regelschulen angewiesen blieben. Die Ziele der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik veränderten sich. Das Hauptziel bestand nun in Unabhängigkeit und weitestgehender Selbständigkeit des Behinderten und möglichst vollständiger Integration in die Gesellschaft. Mit der Neuformulierung dieser Ziele, wurden in den USA ab ca. 1950 vollintegrative Betreuungsprogramme für Blinde und Sehgeschädigte entwickelt, die in Tradition der kooperativen Sonderklassen und der damit erfolgten Teilintegration standen. In europäischen Ländern setzte diese Entwicklung erst in den 1960er Jahren ein. In vielen Ländern wurde somit eine weitestgehende Integration Blinder und Sehbehinderter in den 1970er Jahren erreicht. So besuchten 1980 in den USA nur noch 26% der Blinden und 10% der Sehbehinderten Schüler eine behindertenspezifische Sonderschule. In Westeuropa, ausgeschlossen die romanischen Länder, dagegen noch 63% der Blinden und 23,5% der Sehbehinderten. In Frankreich waren in den 1980er Jahren weiterhin Sonderklassen für Sehbehinderte stark verbreitet.

Die Bundesrepublik Deutschland hinkte, was die Voll- oder zumindest Teilintegration Blinder und Sehbehinderter Kinder betrifft, zunächst den nordamerikanischen und auch vielen europäischen Staaten weit hinterher. Erst in den 1970er und 1980er Jahren wurden hier Modellversuche zur Voll oder Teilintegration, insbesondere sehbeh inderter Schüler an Regelschulen gestartet.

Daten zur gegenwärtigen Situation der Blinden- und Sehbehindertenbildung

Sehbehindertenbildung ist seit den 1950er Jahren sprunghaft angestiegen. 1957 gab es 21 Einrichtungen der Blindenbildung, 1983 dagegen schon 47 Bundesdeutsche Einrichtung zur Erziehung und Unterrichtung Sehgeschädigter und Blinder, davon 14 kombinierte Einrichtungen. 1983 wurden insgesammt 7215 Schüler an speziellen Bildungseinrichtungen betreut. Dies entspricht einem Zuwachs von 85% in nur 10 Jahren. Der Anteil an sehbehinderten und Blinden Kindern beträgt im Schnitt 0,07%. Erklärt wird dieser Zuwachs durch eine Intensivierung der Bemühungen zur Erziehung Mehrfachbehinderter und eine Frühförderung sehbehinderter und blinder Kinder. 1998 wurden bereits 72 Institutionen zur Blinden- und Sehbehindertenbildung gezählt, inclusive der Institutionen auf dem Gebiet der ehem. DDR. Insbesondere die Zahl der berufspraktischen Ausbildungsstätten ist in diesem Zeitraum nochmals angestiegen (Berufsförderungswerke etc.) Noch Mitte der 1980er Jahre wurden erhebliche Defizite beim Bildungswesen insbesondere bei Sehbehinderten beklagt. Zu diesem Zeitpunkt wurden erst ca. 1/3 aller blinden und. sehbehinderten Kinder sehgeschädigtenspezifisch betreut. Außenseiterrolle der hochgradig sehbehinderten, sowohl in Blindenschulen, als auch in Sehbehindertenschulen. Immer noch zu wenige Möglichkeiten für sehr leistungsfähige Sehgeschädigte zum Erwerb qualifizierter Abschlüsse.


Anstalts und Schulalltag

  • PowerPoint-Präsentation über das Bundes-Blindenerziehungsinsitiut in Wien
    Autorin: Anita Weprich -> Download
  • PowerPoint-Präsentation über die Carl-Streh-Schule in Marburg
    Autorin: Sandra Große -> Download

Literatur

  • Dupuis/ Kerkhoff: Enzyklopädie der Sonderpädagogik, der Heilpädagogik und ihrer Nachbargebiete Wissenschaftsverlag Volker Spiess, Berlin 1992
  • Kaden, Reinhard: Sehbehindert - Blind. Thieme Verlag, Stuttgart 1978
  • Möckel, Andreas: Geschichte der Heilpädagogik. Klett-Cotta, Stuttgart 1988. 49-70
  • Rath, Waltraud: Sehbehindertenpädagogik. Kohlhammer, Stuttgart 1987
  • Rath/ Hudelmayer (Hrsg.): Handbuch der Sonderpädagogik, Band 2. Pädagogik der Blinden und Sehbehinderten. Marhold Verlag, Berlin 198


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